Während die einen seit Beginn der neuen Jahreszeit bereits über
ungemütliches Wetter und zu wenig Sonne klagen, freuen sich die anderen
über lange herbstliche Weinabende zu zweit oder mit Freunden. Deutsche
Weine genießen hierzulande nach einer kurzen Durststrecke wieder einen
ausgezeichneten Ruf. Schon seit Mitte September werden die ersten
frühen Rebsorten gepflückt, doch traditionell gilt der Oktober als
Weinmonat schlechthin. Grund genug einmal zu schauen, wie es um den
deutschen Wein steht.
Wichtig für den Weinbau ist nicht nur das
Klima. Vor allem die Bodenbeschaffenheit und die Lage sind entscheidend
für das spätere Ergebnis. Das Deutsche Weininstitut (DWI), eine
Gemeinschaftseinrichtung der deutschen Weinwirtschaft, gibt die
prozentuale Flächenverteilung für Weiß- und Rotweinsorten in
Deutschland mit 65 bzw. 35 Prozent an. Für den guten Weißwein sind die
deutschen Winzer international bekannt, vor allem für die Rebsorten
Riesling und Müller-Thurgau (auch Rivaner), die etwa ein Drittel der
100.000 Hektar Anbaufläche einnehmen.
Die meisten Rotweine stammen
aus dem Süden Deutschlands. Hier werden im Durchschnitt die höchsten
Temperaturen erreicht. Außerdem profitieren die Weintäler in
Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg nicht nur vom Sonnenreichtum,
sondern auch von den schützenden Hängen der nahe gelegenen Gebirge.
Doch wer hätte gedacht, dass ein Rotweinparadies gleich am Rande von
Nordrhein-Westfalen liegt? Am Nebenfluss des Rheins, der Ahr erstrecken
sich die Weinreben über 540 Hektar. Trotz der nördlichen Lage herrscht
hier fast schon mediterranes Klima – perfekte Bedingungen für den
Spätburgunder. Der Rotweinwanderweg lockt Jahr für Jahr viele Touristen.
Also,
es lohnt einmal wieder der Blick ins Weinregal. Denn es müssen nicht
immer die Franzosen, Portugiesen oder gar Süd-Afrikaner sein. Fast vor
der Haustür sorgt das traditionelle Winzerhandwerk für Weingenuss pur.
js
Die Wahrheit liegt im Wein
Doch wie etablierte sich der Wein als guter Tropfen? Ein Expertengespräch mit dem Kirchhellener Historiker Carsten H. Kempkes.
Herr
Kempkes, als Historiker haben Sie sich nicht nur mit der
Kulturgeschichte der Kartoffel befasst (veröffentlicht in unserer
Mai-Ausgabe), sondern auch mit der des Weins. Wie weit reicht sie denn
zurück?
Nach heutigen Erkenntnissen reicht die Geschichte bis
ins Neolithikum (Jungsteinzeit) zurück. Archäologen fanden in Hajji
Firuz Tepe im nördlichen Zagrosgebirge (Iran) sechs Krüge, die unter
einem Gebäude aus Lehmziegeln begraben waren. Dieser Fund ist auf 5400
bis 5000 v. Chr. zu datieren. Mittels chemischer Analysen konnten u.a.
Weinsäure und Harz in den Gefäßen nachgewiesen werden, was als Indiz
für eine frühe Weinherstellung bewertet werden kann.
Wer hat den Wein danach weiter etabliert?
Im
antiken Griechenland war der Weinkonsum von großer kultureller
Bedeutung. Es waren aber vor allem die Römer, die den Wein in großen
Teilen des Imperiums verbreiteten. Mit der Erhebung des Christentums
zur Staatsreligion, was im 4. Jh. durch Kaiser Konstantin geschah,
wurde zugleich die Weinkultur beflügelt. Als das „Blut Christi“ nahm
der Wein eine entscheidende Rolle in der Liturgie ein. Es liegt nahe,
dass sich zahlreiche Kirchen und Klöster im Mittelalter eigene
Weinberge anlegten. Die Franzosen sorgten im 19. Jahrhundert für ein
erstarkendes Qualitätsbewusstsein in der Weinherstellung.
Gab es auch eine Krisenzeit bei den Weintrinkern, so wie die Prohibition in den USA?
Das
19. Jahrhundert war geprägt durch die Industrialisierung. Es war eine
Zeit der Veränderung, welche die traditionelle soziale, politische und
religiöse Ordnung in Zweifel zog. Die negativen Folgen wie Verbrechen,
Prostitution, Zerstörung des Familienverbandes, Krankheiten, Spielsucht
und andere Laster weiteten sich aus. Dem Alkohol gab man eine
Mitverantwortung. Die aufkommenden Anti-Alkohol-Bewegungen zogen gegen
ihn ins Feld. Auch für den Wein war das ausgehende 19. Jahrhundert eine
Krisenzeit, so dass die Reblaus-Katastrophe, gepanschter Wein,
Überproduktion und fallende Preise ihr Übriges leisteten.
Wie konnte der gute Ruf des Weins wiederhergestellt werden?
Erst
seit den 1950er Jahren erlebte der Wein einen neuen Aufschwung.
Qualität und strenge gesetzliche Bestimmungen setzten sich durch
und schufen Vertrauen. Es sind Personen wie der Mönch Dom Pierre
Pérignon, der Chemiker Louis Pasteur, Weinregionen wie Bordeaux und
Burgund oder Weine wie ein Château Haut-Brion, die durch Legende,
Erfindergeist und Tradition den Weingenuss selbst im 21. Jahrhundert
noch zu einem Erlebnis machen.



