Mit der neuen Bundesregierung steht das Thema Grüne Gentechnik wieder auf dem Tableau
Mit der Mais-Ernte waren die Kirchhellener Landwirte in diesem Jahr zufrieden, auch wenn die Erträge hinter dem Rekordjahr 2008 zurück blieben. Doch was wäre, wenn zukünftig jedes Jahr zum Rekordjahr würde? Wenn die Erträge kontinuierlich stabil blieben und Landwirte wie Verbraucher mit einem festen Ernteertrag rechnen könnten? Klingt verlockend, doch hinter der Verlockung steht ein nicht unumstrittenes Thema: Grüne Gentechnik. Seit April dieses Jahres dürfen in Deutschland keine gentechnisch veränderten Maissorten mehr angebaut werden. Der Beschluss fußt auf verschiedenen Untersuchungen, nach denen der veränderte Mais Risiken und Nebenwirkungen nach sich zieht. Denn der Gen-Mais MON810 steht unter dem Verdacht, eine Bedrohung für geschützte Tierarten darzustellen. Ursprünglich sollte der manipulierte Mais dazu dienen, den schädlichen Maiszündler unwirksam zu machen. Seit 1998 wurde der Anbau der Sorte in der EU erlaubt. Mit der neuen schwarz-gelben Regierung steht das Thema nun erneut zur Diskussion. Denn sowohl die CDU als auch die FDP fordern das Potenzial Grüner Gentechnik zu nutzen. Gerade die FDP wolle nach Angaben des Magazins Spiegel auf die bisherige Null-Toleranz-Politik verzichten. Diese sagt, dass in Deutschland derzeit weder gentechnisch veränderte Lebens- oder Futtermittel angebaut noch importiert werden dürfen. Problematisch für so manchen Landwirt, der auf Futtermittel aus Übersee angewiesen ist. Denn ist mit den Containerschiffen einmal gentechnisch verändertes Gut transportiert worden, lässt sich dieses noch lange Zeit nachweisen, selbst wenn dann gentechnisch einwandfreies Material transportiert wird, darf dieses nicht entladen werden. Sollte es auf kurz oder lang damit zu Engpässen in der Futterlieferung kommen, erhöht sich die Gefahr, dass zusätzliches mit genmanipulierten Futtermittel belastetes Fleisch nach Europa importiert wird. Denn die Nachfrage nach Fleisch wird nicht sinken, nur, weil der Markt gegebenenfalls weniger anbietet. Argentinisches Rindfleisch, welches hierzulande als Delikatesse gilt, wird bereits importiert und ist zu nahezu 100 Prozent mit gentechnisch verändertem Futtermittel versetzt. gk
Was ist Grüne Gentechnik? Die Grüne Gentechnik oder Agrogentechnik ist die Anwendung gentechnischer Verfahren im Bereich der Pflanzen. Es bezeichnet die gezielte Veränderung von Eigenschaften pflanzlicher Organismen durch gentechnische, das heißt erbgutverändernde Eingriffe. Als Rote Gentechnik bezeichnet man die Anwendung der Gentechnik in der Medizin und Pharmazeutik und graue oder weiße Gentechnik meint den Einsatz in Einzellern, meist Bakterien oder Pilze, die im Labor oder in industriellen Fermentern wachsen.
Zum Thema Gentechnik ...
... erklärte sich Friedrich Steinmann, der Vorsitzende des landwirtschaftlichen Kreisverbandes, für ein Interview mit LebensArt bereit.
Herr Steinmann, wie stehen Sie zum Thema grüne Gentechnik?
Grüne Gentechnik macht auf gewolltem Wege und im Zeitraffer das, was die Natur auf lange Sicht und mit Zufällen macht: gezielte Merkmale einer Pflanze herauszuarbeiten. Nur wenn man auf diesem Gebiet kontrollierte Forschung zulässt, besteht die Chance, dass wir Nutzen ebenso wie Gefahren erkennen.
Warum ist Soja ein so wichtiges Futtermittel?
Soja ist ein wichtiger Eiweißträger und daher ein wichtiges Futtermittel in der Schweine- und Rinderzucht. Vor allem seit dem tierische Eiweiße im Zuge von BSE nicht mehr als Futtermittel eingesetzt werden dürfen. Rapschrot ist zwar ähnlich dem Soja, wird aber gerade von den Schweinen nicht gerne gefressen, weil es bitter ist. Zudem fehlen dem Rapsschrot wichtige Aminosäuren.
Welche Probleme ergeben sich derzeit mit den Soja-Exporten aus Übersee?
Soja wird nicht in Europa, sondern zum Beispiel in Argentinien angebaut. Man unterscheidet dabei zwischen Soja der 1. Generation und Soja der 2. Generation. Beide sind genmanipuliert. Sojasorten der 1. Generation sind in der EU zugelassen und dürfen importiert werden. Sojasorten der 2. Generation, die noch ertragreicher sind, nicht. Die Bauern bauen aber immer mehr von diesem Soja der 2. Generation an. So kommt es zu Lieferengpässen.
Das heißt, dass nahezu jedes Soja-Futtermittel gentechnisch verändert ist?
Ja. Gentechnisch unveränderten Soja gibt es kaum noch.
Würden Sie mit Soja der 2. Generation füttern?
Ja. Bisher wurde nicht nachgewiesen, dass sich die DNA der Schweine und Rinder auf Grund von Fütterung mit Soja der 2. Generation verändert. Zudem ist es ja so, dass wir zu einem Zeitpunkt nicht mehr den Bedarf der EU an Fleisch und Milchprodukten decken können und dann werden diese Produkte ganz legal importiert, obwohl die Schweine und Rinder mit Soja der 2. Generation gefüttert wurden. Das ist eine Farce. Man kann uns Bauern doch nicht verbieten und was man an anderer Stelle für internationale Landwirte aufheben.
Ja Bitte! Nein Danke!
Sicherheit geht vor. Doch Forschung muss möglich sein und das auch im Bereich Grüner Gentechnik. Natürlich ist dabei nicht ausgeschlossen, dass uns Fehler unterlaufen, wie bei den Versuchen mit MON810. Doch aus Fehlern können wir lernen, aber eben nur, wenn wir sie machen dürfen. Dabei geht es nicht darum, dass jeder in seiner Giftküche mit Genen hext und DNA jongliert, sondern um den vertrauens- und würdevollen Umgang mit gentechnischen Möglichkeiten. Denn soweit sich Grüne Gentechnik als beherrschbar erweist, kann so zum einen die Produktivität gesteigert werden, was sich gerade für ländliche Bereiche wie Kirchhellen als wichtig erweist. Zum anderen wird eine unmäßige Ausweitung von landwirtschaftlichen Anbauflächen vermieden. Eine Null-Toleranz-Politik, wie sie zurzeit betrieben wird, ist nur dann tragbar, wenn es gleichzeitig einen Import-Verbot für Fleisch aus Ländern mit der Zulassung für Grüne Gentechnik gibt. Ansonsten ist es den hiesigen Landwirten wohl kaum verständlich zu machen, warum sie nicht darauf zurückgreifen dürfen. Deutschland muss sich mit dem Thema Grüne Gentechnik auseinandersetzen und nicht erst handeln, wenn landwirtschaftliche Produkte zum Luxusgut werden.
Gabriele Knafla
Die Risiken von gentechnisch veränderten Organismen in der Landwirtschaft sind weder abschätzbar noch kontrollierbar. Die Grüne Gentechnik hat einen unmittelbaren Einfluss darauf, wie unsere Lebensmittel weltweit hergestellt werden und hat somit direkte und zum Teil nicht mehr umkehrbare Auswirkungen auf das Ökosystem, unsere Gesundheit und die (regionale und internationale) Landwirtschaft. Und nur, weil in Argentinien Rinder mit genverändertem Futter gemästet werden, und wir es hier essen können, heißt es ja nicht, dass das gut ist. Im Gegenteil: Es zeigt, wie wichtig eine regionale Versorgung mit Lebensmitteln ist. Fleisch, Obst und Gemüse aus heimischem Anbau sichert unsere Landwirtschaft und gibt zurzeit zumindest noch eine Garantie auf Lebensmittel „Ohne Gentechnik“. Ein weiterer Grund gegen die Gentechnik ist die Tatsache, dass nur wenige Konzerne das entsprechende Saatgut vertreiben, allen voran Monsanto mit dem MON810 Mais. Durch deren Patentsystem werden Abhängigkeiten geschaffen, die ein weltweites Marktmonopol untermauern. Darum bleibe ich dabei: Gentechnik in Lebensmitteln? Nein danke!