Ein Dorf, ein Bebauungsplan und viele Streitpunkte
09.01.2010
Der Initiativkreis FELDhausen kämpft gegen den Ausverkauf des Dorfes, Investor Karsten Helmke sucht das Gespräch und die Stadt erklärt sich
Idyllisch schmiegt sich an der Westlich-von-Gahlen-Straße Grundstück an
Grundstück. Jedes mit seinem eigenen Charakter. Selbst im grauen
Dezemberregen strahlt das Neubaugebiet an der
Westlich-von-Gahlen-Straße in Feldhausen. Unstrittig ist der besondere
Charme dieses Gebietes, in dem in den vergangenen zwei Jahren rund 80
Wohneinheiten entstanden sind.
Doch die Idylle trügt. Denn hinter
den Fassaden brodelt es und zwar gewaltig. Da ist von Sonderausverkauf,
Korruption und Kungeleien innerhalb der Verwaltung die Rede. Und bei
einer genauen Betrachtung zeigt sich die Sachlage als äußerst
verzwickt.
Bereits im Jahr 2004 wurde der Flächennutzungsplan für
Feldhausen festgelegt. Damals war Feldhausen in der Regionalplanung
nicht berücksichtigt. „Ein Wachstum der Siedlung war nicht vorgesehen.
Aber wenn es kein Wachstum geben kann, dann geht die Bevölkerungszahl
zurück“, sagt Christina Kleinheins, Amtsleiterin im Stadtplanungs-amt
Bottrop. „Deswegen wurde in der Bezirksvertretung diskutiert, was
gemacht werden kann und muss. Denn Feldhausen ist keine
Splittersiedlung, sondern ein Ortsteil der lebendig bleiben kann und
soll.“ In jenem Flächennutzungsplan wurde das Gebiet
Westlich-von-Gahlen-Straße so als Bebauungsgebiet festgelegt.
Die
Nachfrage nach Grundstücken in diesem Gebiet war schließlich höher als
erwartet. „Die Planungen der Bebauung waren auf fünf Jahre gerechnet.
Innerhalb von zwei Jahren waren die Grundstücke und Objekte verkauft.
„Das ging schneller, als wir es erwartet hatten. Das hat auch die
Feldhausener überrascht“, sagt Christina Kleinheins.
„Wir sehen
hier einen Sonderausverkauf eines einzigen Investors“, sagt Günter
Klosta vom Initiativkreis „Zukunft FELDhausen“.
Eine Aussage, die
der Investor Karsten Helmke so nicht stehen lassen will. „Mir wurde das
Grundstück schon vor vielen Jahren angeboten. Damals hatte ich kein
Interesse. Als mir dann eine Erbengemeinschaft das Gebiet
Westlich-von-Gahlen-Straße und weitere Flächen wie an der Marienstraße
angeboten hat, habe ich gekauft“, sagt Karsten Helmke. Allerdings
wollte er den bestehenden Bebauungsplan für die Siedlung an der
Westlich-von-Gahlen-Straße so nicht umsetzen. „Geplant waren
Reihenhäuser. Ich habe die Grundstücke neu vermarktet und hier
freistehende Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften errichten lassen.
Das hat dem Gebiet ein ganz neues Gesicht gegeben.“ Gedanken habe er
sich gemacht und nicht ein Baugebiet mit zwei bis drei Haustypen
hochgezogen, die sich einfacher hätten vermarkten lassen.
Doch der
Protest des Initiativkreises richtet sich nicht gegen die Art der
Bebauung, sondern vor allem gegen die Folgen. „Zum Beispiel ist das
Kanalsystem veraltet und muss erneuert werden“, sagt Silke Thiemann vom
Initiativkreis. Karsten Helmke hingegen sagt: „Mir sind keine Probleme
mit dem Kanalsystem bekannt.“ Und auch Wilfried Helsper vom Tiefbauamt
der Stadt Bottrop sagt: „Die gesamte Kanalisation im Ortsteil
Bottrop-Feldhausen wurde zwischen 2007 und 2009 baulich saniert. Dabei
konnte die Kanalisation fast ausschließlich über Verfahren
instandgesetzt werden, die ohne den Aufbruch der Verkehrsflächen
auskommen. Derzeit ist das Entwässerungssystem in Bottrop-Feldhausen
baulich mängelfrei.“
Der Initiativkreis wehrt sich, denn auch sonst
würden einfach zu viele Kosten auf die Bürger abgewälzt. Beispiel
Streuobstwiese. Jene Wiese wurde als Ausgleichsfläche im Anschluss an
das Baugebiet angelegt. „Der Betrieb der Streuobstwiese wurde auf die
Stadt und damit auch die Gemeinde übertragen und damit auch die
Kosten“, sagt Ludger Reiners vom Initiativkreis. „Ich habe die
Streuobstwiese angelegt und dann unentgeltlich an die Stadt übertragen.
Zudem komme ich in den nächsten zehn Jahren für die Pflegekosten der
Wiese auf“, entgegnet Helmke. Ein bitterer Beigeschmack bleibt da
trotzdem. Denn auch in zehn Jahren werden Kosten für die Wiese
anfallen, die letztlich auf die Schultern der Bürger abgewälzt werden.
Und warum erhält die Stadt ein so großzügiges Geschenk?
„Die
Streuobstwiese, die Herr Helmke der Stadt übertragen hat, resultiert
aus dem Bebauungsplan 78 „Westlich-von-Gahlen-Straße“, in dem diese
Wiese als Ausgleichsfläche festgesetzt ist. Für die
Ausgleichsmaßnahmen ist üblicherweise der „Eingreifer“, also derjenige,
der baut, zuständig. Da die meisten Bauherren aber mit der
Grünflächenpflege überfordert wären, ist es nicht ungewöhnlich, dass
die Stadt es gegen entsprechende Bezahlung übernimmt, die
Ausgleichsmaßnahmen herzustellen und zu pflegen. Der Preis ist dabei
so berechnet, dass keine weiteren Kosten für die Anlieger entstehen.
Bei Streuobstwiesen fallen die Hauptkosten in den ersten Jahren an, da
die Bäume zunächst richtig anwachsen müssen. Danach muss nur noch die
Wiese ein- oder zweimal im Jahr gemäht werden, was keine besonderen
Kosten mehr verursacht. Daher reicht es aus, die Pflegekosten auf eine
begrenzte Zahl von Jahren zu berechnen“, sagt Christina Kleinheins.
Und
als sei die Idylle nicht schon genug belastet, so steht nun die
Bebauung des Gebietes am Kuhberg auf der Agenda. „Ich gebe zu, dass ich
bei der Vermarktung der Westlich-von-Gahlen-Straße immer gesagt habe:
Hier passiert erstmal nichts. Dann wurde mir das Feld ebenfalls von der
Erbengemeinschaft zum Kauf angeboten. Nach Rücksprachen mit Verwaltung
und Politik, die mir signalisierten, dass sie eine Erweiterung der
Bebauung im gleichen Stil wie an der Westlich-von-Gahlen-Straße
begrüßen würden, nehme ich die Erschließung nun in Angriff“, sagt
Karsten Helmke. Eine Entscheidung, die der Initiativkreis nicht
nachvollziehen kann. „Bürger werden überfallen mit Entscheidungen der
Stadt. Nach dem Abschluss des Baugebietes Westlich-von-Gahlen-Straße
wurde uns zugesichert, dass über Jahre keine Bebauung stattfindet.“ Das
scheint nun anders. „Zur Vervollständigung bietet sich das Gebiet
Kuhberg an. Um über einen Bebauungsplan zu entscheiden, braucht es zwei
Jahre. Drei Mal muss der Rat darüber tagen. Dann dauert es noch einmal
ein bis zwei Jahre bis das erste Haus steht. Das Gebiet am Dornbusch
bleibt hingegen für die kommenden 15 bis 20 Jahre außen vor“, sagt
Christina Kleinheins. Ein Trost für die Bürger? Mit Nichten. Investor
Karsten Helmke will bereits im kommenden Jahr Gutachten zum Baugebiet
erstellen lassen. „Und dann ist gut“, sagt der Investor, „ich bin 66
Jahre alt, das soll dann reichen.“ Für Gespräche, was mit den
angrenzenden Grundstücken geschehen kann, stünde er gerne bereit. „Ich
könnte mir etwas für die Kinder vorstellen.“ Bauen will er hier nicht
mehr. Aber, dass das Vertrauen der Anwohner belastet ist, ist durchaus
nachvollziehbar. Schließlich sind es letztlich auch die Anwohner, die
für etwaige Erschließungskosten zur Kasse gebeten werden. Nicht nur,
dass ihnen die Sicht aufs freie Feld genommen wird, bei vielen der
alten Grundstücke belaufen sich eben jene Erschließungskosten auf
mehrere tausend Euro. „Aber darüber kann man ja reden und eine Lösung
finden“, sagt Karsten Helmke. Keine Frage, zum Reden ist Karsten Helmke
gerne bereit.
Auch in Sachen Marienstraße. Hier gab es einen
großen Disput innerhalb der Bezirksvertretung. „Für die Marienstraße
gibt es keinen rechtskräftigen Bebauungsplan, aber da braucht es auch
keinen, weil rundum gebaut ist. Wenn sich die geplante Bebauung an das
Bestehende einfügt, dann kommt man ohne Bebauungplan aus. Dabei gilt es
zwei Punkte zu beachten: Zum einen die Art - das neue Objekt muss sich
einfügen. Zum zweiten das Maß - es darf nicht größer als in der
Umgebung gebaut werden“, erklärt Christina Kleinheins. All diese
Richtlinien hält Karsten Helmke ein.
Sechs Häuser wären möglich.
„Das haben wir abgelehnt. Der Grundstückskäufer schlug fünf vor. Das
wurde von der Bezirksvertretung abgelehnt. Letztlich sind vier
Grundstücke genehmigt worden. Zudem wurde ein Grüngürtel als Weg zum
Friedhof frei gehalten.“ Bisher wurde kein Antrag auf ein fünftes Haus
gestellt. Drei Bauanträge liegen der Stadt derzeit vor, von denen einer
genehmigt wurde.
Verwunderlich ist dabei schon, dass zwar über die
Häuser und vor allem deren Anzahl gestritten wurde, aber keineswegs
über die Gestaltung des Grünstreifens. „Mit mir hat niemand das
Gespräch gesucht“, sagt Karsten Helmke. Da stellt sich nun wirklich
die Frage, warum die Politik und Verwaltung hier nicht eingreifen und
eine mögliche Gestaltung festlegen. Scheinbar gerät hier das Ziel aus
den Augen. Warum wird hier nicht eine Ausgleichsfläche realisiert?
Die
Fronten in Feldhausen sind jedenfalls verhärtet. Doch letztlich bleibt
das Empfinden, dass viele der Probleme hausgemacht sind. Mit
Sicherheit ist es sinnvoll nach einem Gesamtkonzept für Kirchhellen zu
fragen. So fordert es zum Beispiel der Initiativkreis. Denn nicht nur
in Feldhausen wird immer weiter gebaut, auch am Schultenkamp und
Tappenhof entstehen neue Wohneinheiten. Fraglich ist, wie viele
Kirchhellen davon verträgt. „Kirchhellen profitiert dabei vor allem von
der Nähe zu den naheliegenden Großstädten, aber man wohnt trotzdem
ländlich“, sagt Christina Kleinheins.
Doch wie lange kann man
wirklich noch auf Land gucken? Es wird Zeit, dass endlich das Gespräch
zwischen Bürgern, Politikern, Verwaltung und Investor gesucht und
gefunden wird. gk