Man stolpert mit Kopf und mit dem Herzen
13.07.2010
Auf Einladung des Abiturjahrgangs kam der Künstler Gunter Demnig im Juni nach Schermbeck, um hier sechs Stolpersteine zu verlegen
Im strahlenden Sonnenlicht blitzen die goldenen Steine aus der eintönigen Asphaltierung der Georgstraße hervor. Unübersehbar und doch von sanfter Zurückhaltung. Wer genau hinschaut, der erkennt, dass sich mehr hinter den glänzenden Pflastersteinen verbirgt; mehr als nur ein Name, es ist blank geputzte Erinnerung.
Es war kein schöner Grund zu dem im Juni eine Gruppe von Abiturienten der Gesamtschule, Vertreter der hiesigen Kirchen, der Gemeinde und der Künstler Gunter Demnig zusammenkamen, aber es war ein wichtiger. Sechs Stolpersteine wurden an diesem Tag in den Gehweg der Gemeinde eingelassen. Sechs goldene Denkmäler für elf deportierte jüdische Schermbecker, für sechs Millionen ermordete Juden des Holocaust. Mehr als ein Jahr lang haben Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule zum Thema Judenverfolgung in Deutschland und vor allem in Schermbeck gearbeitet und damit den Anstoß zu dem Projekt Stolpersteine gegeben.
Der Künstler Gunter Demnig verlegte gleich sechs Stolpersteine in Schermbeck
Hugo Schönbach, Else Schönbach, Miriam Schönbach und Amalie Schönbach ist in gleichmäßiger Präzision in die vier Steine vor dem Haus Köching eingraviert, nur wenige Meter weiter sind die Namen Rika Hoffmann und Sibilla van Geldern zu lesen – sechs Namen, eine Geschichte. „Sie alle waren jüdischen Glaubens, sie alle wurden in die Ghettos nach Riga und Theresienstadt deportiert“, sagt Wolfgang Bornebusch, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Schermbeck. Und sie waren nicht die einzigen. 1938 lebten trotz Repression hier in Schermbeck noch fünf weitere Juden.
Erste schriftliche Belege über die jüdische Gemeinschaft in Schermbeck gehen in die Zeit des Dreißig-jährigen Krieges zurück. Zur Einwohnerzählung 1855 zählte Schermbeck schließlich 897 Bürger, davon 97 jüdischen Glaubens. „Damit war Schermbeck zu dieser Zeit eine der größten jüdischen Landgemeinden“, sagt Wolfgang Bornebusch. Zu Beginn der Nazidiktatur waren es noch zwischen 20 und 30 Juden, 1943 gab es in Schermbeck keinen einzigen Juden mehr. Mit Rika Hoffmann wurde am 1. Januar 1943 die letzte verbliebene Jüdin aus Schermbeck ins KZ deportiert.
„Ich kann mir das Leben vor 1933 hier nur schwer vorstellen. Ich kenne auch keine Nachfahren persönlich und ich kenne noch nicht mal jemanden jüdischen Glaubens. Doch wir haben erfahren, dass es sich um aktive Mitglieder der Gemeinde, um ein kleines Baby, um Familien und um eine alte Dame handelte, wenn man allein diese Opfer betrachtet, die hier ihr letztes Zuhause hatten“, sagt die Abiturientin Katrin Berendsen. So wie ihr geht es wohl vielen.
blank geputzte Erinnerungen sind auf der Georgstraße zu sehen.
Selbst der Künstler Gunter Demnig, der 1993 die Idee zu dem einzigartigen Projekt „Stoplersteine“ hatte, erschrickt noch heute vor den Dimensionen der Judenverfolgung in Deutschland. „Sechs Million ermordete Juden, das ist eine unfassbare Größe. Doch wenn man sich den einzelnen Schicksalen nähert, die Geschichten der Familien aufarbeitet, dann geht man anders nach Hause.“ Mit den Stolpersteinen will der Künstler ein deutliches Mahnmal setzen. In Schermbeck, Deutschland und weltweit.
An den Stolpersteinen läuft man nicht einfach vorbei, sondern man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen. Und jeder Passant, der sich die Steine genauer ansieht, muss sich vor den Opfern verbeugen oder vor ihnen auf die Knie fallen.
250.000 Stolpersteine in 563 Kommunen hat Gunter Demnig bereits verlegt. „Selbst wenn mir das Kreuz manchmal weh tut, dann weiß ich doch, warum ich das Ganze mache.“