Foto: aureus GmbH - Stefanie Schwaß
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Die Gemeinde Schermbeck hält zusammen

Schwierige Zeiten erfordern besondere Maßnahmen – Wie es Vereinen und Einrichtungen während der Corona-Krise ergeht

Schermbeck - Das Dorf wirkt fremd, wenn das Leben in ihm fehlt. Die Einzelhändler haben geschlossen, die Friseure und die Gastronomie ebenso. Dies ist ein Bild, das sich aktuell in jeder Stadt Deutschlands zeigt, so natürlich auch in der Gemeinde Schermbeck. Auf der Mittelstraße, auf der sonst ein reger Trubel herrscht, ist kaum jemand zu sehen und die Geschäfte sind dunkel. Doch trotz der schweren Zeiten gibt es einen Zusammenhalt in der Gemeinde, der stärker ist als je zuvor.

Sorgenfrei ist auch Bürgermeister Mike Rexforth in diesen Zeiten natürlich nicht. „Ich habe keine Ahnung, wie es sein wird, wenn die Krise überwunden ist“, erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion. “Das Virus, das im Umlauf ist, ist tückisch. Es infiziert nicht nur unsere Gesundheit, sondern legt unsere gesamte soziale, kulturelle und Freizeitgestaltung lahm. In kleinen Gemeinden, wie Schermbeck eine ist, sieht man wenige Logos großer Ketten. Das Bild ist geprägt von kleinem, lokalem Handel – unsern Nachbarn, Freunden und Verwandten. „Ich habe große Sorgen, dass nicht jedes Unternehmen die Krise überstehen wird und dass wir einige unserer Geschäfte verlieren werden“, zeigt sich der Bürgermeister offen und ehrlich. Doch er gibt auch zu bedenken: „Für Prognosen ist es jetzt noch zu früh. Wir schauen jetzt, dass wir in den Krisenzeiten für die Schermbecker da sind.“ Auch Wolfgang Lensing, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Schermbeck, sieht die wirtschaftliche Gefahr für die Einzelhändler und Gastronomen. Er appelliert daher: „Viele Schermbecker Gewerbetreibende und Einzelhändler, Cafés und Restaurants bieten zur Zeit Lieferdienste und telefonische Beratungen an. Wir rufen alle Bürger und Bürgerinnen auf, diesen Service anzunehmen. Bitte verzichten Sie auf Online Bestellungen und unterstützen Sie den lokalen Handel. Damit wir auch nach der Krise in unseren Cafés und Kneipen sitzen können und bei unseren örtlichen Geschäften und Händlern einkaufen können.“

Bürgernah und hilfsbereit

Besonders Selbstständigen und kleinen Unternehmen drohen hohe finanzielle Einbußen. Die Verwaltung unterstützt und hilft aber, wo sie kann. „Wir vermitteln die Menschen an die richtigen Stellen und geben Tipps und Ratschläge, wo sie Hilfe bekommen können“, berichtet Mike Rexforth. Und das funktioniert momentan reibungslos. „Ich habe hier eine Verwaltung, die einwandfrei funktioniert und selbstlos arbeitet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen ohne Widerstand Aufgaben, die normalerweise nicht in ihren Tätigkeitsbereich fallen“, erzählt Mike Rexforth. Beispielsweise seien Angestellte aus der Verwaltung momentan auch im Außendienst unterwegs, um das Ordnungsamt bei Kontrollen zur Einhaltung der gesetzlichen Regelungen zur Vermeidung von Infektionen zu unterstützen. „Andere Städte müssen für solche Aufgaben Freiwillige suchen, wir können das aus dem eigenen Rathaus heraus stemmen. Darauf bin ich als Bürgermeister sehr stolz.“

Die besonderen Umstände fordern besonderen Einsatz. Besprechungen werden kurzfristig organisiert, oft sitzt man bis in die Nacht hinein und am Wochenende zusammen und diskutiert wichtige Neuerungen, Umstellungen und Veränderungen. „Wir sind als Verwaltung gut strukturiert und das zeigt mir, dass wir solch schweren Krisen durchaus gewachsen sind“, fasst er das Lob an die Verwaltung zusammen.

Doch der Zusammenhalt ist nicht nur in der Verwaltung spürbar, auch in den verschiedenen Vereinen, unter Privatleuten und in den Nachbarschaften halten die Menschen zusammen. Man hilft sich gegenseitig, ist füreinander da. Bürgermeister Mike Rexforth berichtet: „Ich habe festgestellt, dass sich die Menschen in einem Ausnahmezustand wie diesem wieder an ursprüngliche Werte erinnern. Die Wertschätzung der eigenen Familie, seiner Mitmenschen und auch des eigenen Berufs. Ich wünsche mir, dass sich diese Werte wieder mehr verfestigen. Dass wir alle auch dann, wenn das Virus und die Krise überwunden sind, zu schätzen wissen, was wir haben“, ergänzt er.

Persönliche Schicksale

„Natürlich erreichen uns auch persönliche Schicksale aus der Gemeinde“, bedauert Mike Rexforth. Besonders im Bereich der Pflegekräfte komme es aktuell zu absoluten Engpässen. Der Bürgermeister berichtet der Redaktion von einem Beispielfall, in dem eine Familie auf eine persönliche Pflegerin angewiesen ist. „Die Dame ist allerdings aus Polen und darf nun nicht einreisen. Die Familie weiß momentan nicht, wie sie dieses Problem lösen kann“, sagt er weiter. Zwar könne die Verwaltung hier nicht direkt tätig werden, vermittle die Anfragen aber an die richtigen Stellen. „Doch auch bei der Caritas oder dem Deutschen Roten Kreuz sind Personalengpässe. Es fehlen Arbeitskräfte.“

Persönliche Schicksale erreichen auch Pfarrer Klaus Honermann von der Sankt Ludgerus Gemeinde. „Ich telefoniere mit den Infizierten in der Gemeinde und mit ihren Familien. Ich erkundige mich, wie es ihnen geht und biete ihnen das Gespräch“, erzählt der Pfarrer. Ohnehin habe er bemerkt, dass er wieder viel mehr mit Menschen telefoniere, um den Kontakt zu Familie, Freunden und Bekannten beizubehalten. „Die Situation zeigt uns gerade, was uns fehlt und was wir lange als selbstverständlich angesehen haben. Das nahezu komplette Wegbrechen sozialer Kontakte gehört mit dazu“, sagt er. Betroffen davon sind auch die Gottesdienste und Messen, die überall eingestellt worden sind. „Schon seit Beginn der Krise laden wir jeden Tag einen geistlichen Impuls auf unserer Gemeinde-Homepage sankt-ludgerus.de hoch. Diese sind unter der Kategorie Predigten zu finden.“ Und das komme gut an, denn: „Ja, wir bekommen einige positive Rückmeldungen. Die Menschen nehmen das Angebot gerne an.“ Einen Besuchereinbruchin der Kirchengemeinde befürchtet Klaus Hornemann aber nicht. Er berichtet von einer starken Kerngemeinde, die sicherlich nach Überwindung der Krise wieder wie gewohnt die Messe besuchen werde.

Gemeinschaftsgefühl und Zusammenhalt

Foto: aureus GmbH - Stefanie Schwaß
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Wie Bürgermeister Mike Rexforth stellt auch Pfarrer Klaus Honermann einen stärker ausgeprägten Zusammenhalt zwischen den Menschen fest, auch aus der Gemeinde heraus. „Die kfd ist hier in Schermbeck eine sehr gut vernetzte Gemeinschaft. Jeden Abend um 19.30 Uhr lassen sie von zuhause Glockengeläut ertönen und stellen eine Kerze ins Fenster, um Zusammenhalt und Dankbarkeit zu symbolisieren. Sie fotografieren die Kerzen und verschicken die Fotos untereinander“, berichtet Klaus Honermann. Mit diesen Fotos habe die Gemeinde Plakate erstellt, die in den Schaukästen an der Kirche zu sehen sind. Pfarrer Klaus Honermann bietet aber allen Gemeindemitgliedern und denjenigen, die Gesprächsbedarf verspüren, die Möglichkeit, sich telefonisch bei ihm oder Pastor Xavier Muppala zu melden. „Wir beide sind gerne für diejenigen da, die momentan niemanden zum Reden haben oder sich ein geistliches Gespräch wünschen“, verspricht Klaus Honermann.

Eine schwierige Zeit ist es aktuell auch für die Kindergärten. „Die Kinder verstehen ja nicht so richtig, wieso sie nicht in den Kindergarten dürfen“, berichtet Michaela Schult, Leiterin der Kindertageseinrichtung St. Kilian. Daher hat sich das Team des Kindergartens schöne Aktionen überlegt, sodass die Kinder in der Zeit, in der sie zuhause bleiben müssen, eine Beschäftigung haben: „Wir bereiten jede Woche eine kleine Briefpost vor, die wir den Kindern nach Hause schicken“, verrät Michaela Schult. In den Briefen sind von Woche zu Woche unterschiedliche Kleinigkeiten enthalten. In der ersten Woche entschied man sich für ein Bild zum Ausmalen und die Geschichte vom kleinen Bären, der nicht versteht, wieso er gerade nicht in den Kindergarten gehen darf. „Wir haben viele positive Rückmeldungen erhalten. Einige Eltern haben uns sogar erzählt, dass die Kinder vor Freude geweint haben“, sagt die Kindergarten-Leiterin. Eine weitere kleine Aufgabe, die in der ersten Briefpost verschickt wurde, lautete, ein Regenbogen-Bild zu malen und ins Fenster zu hängen. „Die Idee stammt nicht von uns, wir haben von der Aktion über das Internet gehört und fanden das schön. Die Idee dahinter ist, dass die Kinder dann beim Spaziergang durch die Straßen die Regenbögen in den Fenstern zählen können“, berichtet Michaela Schult. Ein schöner Nebeneffekt der Kindergarten-Pakete ist zudem auch, dass die Kinder das Gefühl kennenlernen können, wie es ist, eine Briefsendung zu erhalten.

Der große Verzicht sozialer Kontakte macht sich auch in den Sportvereinen bemerkbar. Kirsten Klein-Bösing aus der Leichtathletik-Abteilung des SV Schermbeck weiß um die Wichtigkeit der Schermbecker Vereine in diesen Zeiten. Da der aktive Sportbetrieb eingestellt ist, fehle vielen der soziale Kontakt zu den Vereinsmitgliedern. „Wir sind momentan dabei, Lösungen zu suchen, um uns nicht aus den Augen zu verlieren“, erzählt Kirsten Klein-Bösing. Im weitesten Sinne gehe es auch um den Sport, das Hauptanliegen des Vereins sei es aber, die soziale Komponente aufrecht zu erhalten. Die Leichtathletik-Abteilung unternehme aktuell einige Bestrebungen, ein Online-Sportangebot aufzubauen. „Das ist eine technische Herausforderung für uns. Wir arbeiten unter Hochdruck daran“, verspricht sie. Wann das Angebot fertig sein wird, konnte sie aber zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch nicht voraussagen.

Ein Geben und Nehmen

In enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde engagiert sich auch die von Timo Gätzschmann und Max Messing ins Leben gerufene Initiative „Wir für Schermbeck“. Dies ist eine Hilfeplattform für alle diejenigen, die in der Krisenzeit Unterstützung benötigen oder selbst Hilfe leisten möchten. Die Gemeinde unterstützt die Plattform unter anderem mit Personal, aber auch mit gesetzlichen Absicherungen der Ehrenamtlichen und mit einem Elektrofahrzeug, um den Helfern die nötige Mobilität zu bieten. Die Gemeinde gibt ein Datenblatt an die Ehrenamtlichen heraus, mit dessen Unterzeichnung die Helfer während der Einsätze unfallversichert sind. Das Elektrofahrzeug können alle eingetragenen Helfer kostenfrei für Einsätze nutzen. Außerdem wird die Hotline von „Wir für Schermbeck“ an die Gemeinde weitergeleitet und ist dadurch zwischen 8 und 18 Uhr erreichbar. Diese können alle Hilfesuchenden und Helfer telefonisch unter (02853) 8095889 erreichen oder sich per Mail an hilfe@fuer-schermbeck.de an die Initiative wenden. // jl

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