Gladbeck
Baryalai Usmani fühlt sich in Gladbeck wohl und hat sich hier erfolgreich eine Zukunft aufgebaut.Foto: Nicole Gruschinski

Afghanistan – Gladbeck, aber nicht mehr zurück

Baryalai Usmani fand in Gladbeck eine neue Zukunft und Heimat - Seine Familie musste er in Afghanistan mit 14 Jahren zurück lassen

Gladbeck -

Baryalai Usmani war erst 14 Jahre alt, als er seine Heimat Afghanistan verlassen musste. Die Entscheidung zur Flucht traf er gemeinsam mit  seiner Familie, die blieb in Afghanistan zurück. Was folgte, war eine gefährliche, kräftezehrende Reise, die ihn schließlich nach Deutschland führte. Ohne Begleitung, ohne Sprachkenntnisse, aber mit der Hoffnung auf Sicherheit und eine Zukunft. Hier erzählt er von seinen Erlebnissen während seiner Flucht und warum Gladbeck zu seiner zweiten Heimat geworden ist.

2016 war Afghanistan ein Land im Ausnahmezustand. Die Gewalt nahm immer weiter zu, die Sicherheitslage brach vielerorts völlig zusammen. Für die Menschen bedeutete das ein Leben in ständiger Unsicherheit: Anschläge, Gefechte und bewaffnete Auseinandersetzungen bestimmten den Alltag. Besonders Zivilpersonen gerieten zwischen die Fronten – getroffen von Angriffen der Taliban, anderer bewaffneter Gruppen und auch staatlicher Kräfte. Die Sicherheitslage brach vielerorts zusammen, und die Hoffnung auf ein normales Leben wurde von Tag zu Tag kleiner.

Flucht allein und ohne Familie

In dieser Atmosphäre aus Unsicherheit und Bedrohung traf die Familie von Baryalai Usmani die schwerste Entscheidung ihres und seines Lebens: Er sollte fliehen vor Krieg und Gewalt – allein, ohne seine Familie, nur mit der Hoffnung, irgendwo in Sicherheit neu anfangen zu können. Als Ältester von mittlerweile 10 Geschwistern sollte wenigstens er die Chance auf eine bessere Zukunft bekommen, denn eine Flucht kostete viel Geld. Sein Ziel stand jedoch schon im Vorfeld fest: Gladbeck. Dort lebte bereits ein Verwandter. „Ich wusste nicht, was Europa überhaupt ist – geschweige denn, wo Bulgarien, Österreich oder all diese Länder liegen oder wo ich mich gerade befand“, beschreibt er seine Unwissenheit in jener Zeit.

Begleitet von seinem Vater machte sich der damals 14‑jährige von Kandahar aus auf den Weg – bis zur Grenze in Nimróz. Dort trennten sich ihre Wege und der Vater ging wieder zurück zur Familie. Von diesem Moment an war er allein unterwegs, angewiesen auf fremde Menschen und auf Schleuser, denen er vertrauen musste, obwohl er wusste, wie gefährlich das war. „Ich musste mich ständig durchfragen und schloss mich oft Familien an, die ebenfalls auf der Flucht waren“, erinnert er sich an diese schwere Zeit. Häufig seien es Polizisten gewesen, die den Menschen bei ihrer Flucht geholfen hätten.

Seine Route führte ihn über Pakistan, den Iran und die Türkei bis nach Griechenland – Länder, die auch 2016 teilweise alles andere als sicher waren. Immer wieder musste er tagelang durch unwegsames Gelände laufen, oft ohne zu wissen, wie weit der nächste sichere Ort entfernt war. „Der schwierigste Teil für mich waren Pakistan und der Iran“, erzählt er. „Oft wusste ich nicht einmal, ob es Tag oder Nacht war“, erinnert sich Baryalai, „denn ich hatte keine Uhr.“ Zusätzlich machte ihm der ständige Wassermangel zu schaffen.

Geschlafen haben die Flüchtlinge unterwegs in einfachen Zwischenstationen. Es waren jedoch keine richtigen Häuser, sondern kleine, aus Sand errichtete Unterkünfte, die von den Schleusern organisiert wurden. Die Schleuser übernahmen auch an den Grenzen die Organisation, „weil ein normaler Mensch gar nicht wissen kann, wie er sich dort verhalten muss“, erklärt er.

Wenn sich die Möglichkeit bot, auf einem LKW mitzufahren, bedeutete das keine Erleichterung, sondern ein anderes Risiko: Ungesichert auf der offenen Ladefläche drängten sich viele Menschen, ständig in Gefahr, bei einer Bodenwelle oder einem abrupten Stopp herunterzustürzen.

Wochen voller Ungewissheit

Insgesamt war Baryalai einen ganzen Monat unterwegs. Das klingt zunächst wenig, „aber damals wurde noch nicht so streng kontrolliert wie heute“, erklärt Usmani. Wochen voller Ungewissheit, Erschöpfung und ständiger Gefahr. Während er sich Schritt für Schritt durch fremde Länder kämpfte, bangte seine Familie in Kandahar um ihn. Kontakt war kaum möglich, oft tagelang gar nicht. Für die Zurückgebliebenen bedeutete das Warten eine Qual. Über Griechenland kam er dann nach Gladbeck.

In Gladbeck fand Baryalai zunächst Schutz bei einem Verwandten und konnte sich dort von den Strapazen seiner Flucht erholen. Doch das Zusammenleben erwies sich auf Dauer als schwierig, sodass er schließlich in die Obhut des Jugendamtes kam. Dort erhielt er die Unterstützung, die er brauchte, um in Deutschland Fuß zu fassen: Er wurde in der Schule angemeldet, trat den Leichtathleten beim VfL Gladbeck bei. Zudem bekam er Hilfe beim Erlernen der deutschen Sprache. Besonders Liane Linke vom Amt für Jugend und Familie war ihm in dieser Zeit eine große Stütze.

Alltag und Normalität

Untergebracht wurde er im Junikum, dem Kinder- und Jugendhaus der Stadt Gladbeck. In der Wohngruppe lebte er mit neun weiteren Jugendlichen zusammen – allesamt Deutsche. Für Baryalai war das eine Herausforderung, aber auch eine Chance: Um sich verständigen zu können, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als Deutsch zu sprechen und zu üben. So wurde die Wohngruppe zu einem wichtigen Ort des Ankommens, an dem er nicht nur die Sprache lernte, sondern auch ein Stück Alltag und Normalität zurückgewann.

Foto: Rainer Krüger

Schritt für Schritt begann er, sich ein neues Leben aufzubauen: Er lernte Deutsch, besuchte die Ingeborg‑Drewitz‑Gesamtschule und erarbeitete sich dort die Grundlagen für seinen weiteren Weg. Anschließend absolvierte er sein Fachabitur am Berufskolleg Gladbeck, ein Meilenstein, der ihm den Zugang zum Studium eröffnete. An der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen schloss er bereits sein Bachelorstudium erfolgreich ab und strebt nun sein Masterstudium im Institut für Sicherheit in Gelsenkirchen an. Dort arbeitet er bereits seit einiger Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Internetsicherheit.

Schritt in ein eigenständiges Leben

Möglich wurde all das auch durch die Unterstützung von Reile Hildebrandt‑Junge‑Wentrup, der ehemaligen Pfarrerin und Gründerin der Evangelischen Flüchtlingshilfe in Gladbeck. Sie begleitete Baryalai auf seinem Weg durch die komplizierten behördlichen Verfahren und setzte sich unermüdlich für ihn ein. Mit ihrer Unterstützung gelang es schließlich, das lang ersehnte Abschiebeverbot zu erwirken, ein entscheidender Schritt hin zu einem eigenständigen Leben. Denn von Anfang an war es ihm wichtig, nicht auf Kosten der Allgemeinheit zu leben. Aktuell lebt er seit mittlerweile drei Jahren bei Andreas Schlebach in einer „Jungs-WG“ in Zweckel, gemeinsam mit dem ebenfalls aus Afghanistan stammenden Kamran. Der 68-jährige Schlebach engagiert sich seit vielen Jahren in der Flüchtlingshilfe und begleitet auch Baryalai auf seinem Weg.

Mittlerweile ist Gladbeck zu seinem Lebensmittelpunkt geworden. Natürlich fehlt ihm seine Familie, die inzwischen in Kabul lebt, und die Sehnsucht bleibt ein ständiger Begleiter. Doch zugleich fühlt er sich hier zuhause. Der mittlerweile 24-jährige hofft jedoch, seine Familie eines Tages finanziell unterstützen zu können und ihnen damit das Leben ein Stück leichter zu machen. Die Gladbecker haben ihn offen aufgenommen, und er hat die kleine Ruhrgebietsstadt längst in sein Herz geschlossen.

Mit seiner Familie steht er regelmäßig, eigentlich täglich, in Kontakt und konnte sie sogar, nach acht langen Jahren, endlich einmal wiedersehen. Trotz aller Verbundenheit mit seiner Herkunft ist klar: Sein Leben, seine Zukunft und sein Alltag liegen heute in Gladbeck. Hier hat er sich ein Zuhause aufgebaut, das ihm Sicherheit und Perspektiven gibt.

Foto: Privat

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Nicole Gruschinski

Nicole Gruschinski

n.gruschinski@aureus.de

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