Kirchhellen
Luis Guido Nielsen sprüht präzise den Ort für jede einzelne Stele auf den Boden, damit sie am Ende so stehen, wie es der Künstler immer wollte.Fotos: Valerie Misz

Die Rückkehr eines Wahrzeichens

Auf der Halde Haniel wurden die Totems von Agustín Ibarrola wieder aufgestellt

Kirchhellen -

Staub wirbelt über den Schotterweg, als sich das Auto langsam den Hang hinaufarbeitet. Vorbei an den Überbleibseln des ehemaligen Bergbaus geht es hinauf zur Spitze der Halde Haniel. Für Besucher ist dieser Weg normalerweise tabu. Heute darf ich ihn als Reporterin mitfahren. Es fühlt sich ein wenig verboten an und doch ist alles ganz legal.

Wann bekommt man schon die Gelegenheit, die Höhenmeter zur Haldenspitze bequem im Auto zurückzulegen und dabei einen Blick hinter die Kulissen eines der bekanntesten Wahrzeichen Bottrops zu werfen? Oben angekommen stehen sie bereits: Dutzende bunt bemalte Stelen reihen sich auf dem Haldenkamm auf. Nur noch acht fehlen. Dann wird das Kunstwerk des baskischen Künstlers Agustín Ibarrola wieder vollständig sein.

Totems kehren zurück

In den vergangenen Monaten hat die RAG die Halde Haniel umfassend saniert. Neben einer ordnungsgemäßen Entwässerung wurde auch das Haldenplateau neu gestaltet. Alles in Vorbereitung für die finale Übergabe an den Regionalverband Ruhr. Dafür mussten die Totems zeitweise weichen. Nun kehren sie zurück. Bereits zum dritten Mal in ihrer Geschichte seit 2002 werden die markanten Stelen umgesetzt.

Für die Wiederaufstellung verantwortlich ist eigentlich der Kirchhellener Künstler und Bildhauer Guido Hofmann. Seit mehr als 20 Jahren kümmert er sich um die Totems. Als Meisterschüler des inzwischen verstorbenen Agustín Ibarrola verbindet ihn eine besondere Beziehung zu dem Werk. Aus gesundheitlichen Gründen kann Hofmann die Arbeiten dieses Mal jedoch nicht selbst begleiten.

Die letzten acht Stele des Halden Wahrzeichens in Bottrop wurden am 17. Juni installiert.

Deshalb hat sein Sohn Luis Guido Nielsen übernommen. „Ich habe alles von meinem Vater gelernt“, sagt der 35-Jährige stolz. Ein Thema, das ihn bewegt: „Natürlich wäre es mir lieber gewesen, er hätte das selbst machen können.“ Die Verbundenheit der Familie mit den Totems ist spürbar. Nielsen kennt die Arbeiten Ibarrolas seit seiner Kindheit, ebenso wie die seines Vaters.

„Diese Totems zu pflegen und das Wahrzeichen zu verwalten, ist ihm eine Herzensangelegenheit“, sagt er. „Mein Vater fühlt eine Verbundenheit dazu.“ Nach dem Tod des baskischen Künstlers hat dessen Sohn Irrintzi Ibarrola die Verwaltung des Werkes übernommen. Nielsen würde die Familie gerne einladen, sobald die Arbeiten an den Totems und an der Halde vollständig abgeschlossen sind.

Letzter Arbeitstag

Doch zunächst wartet noch Arbeit. An diesem Mittwochmorgen beginnt sein Tag früh, wie so oft in den vergangenen sechs Wochen. Dem Pförtner kurz Guten Tag sagen, über das ehemalige Zechengelände fahren und anschließend hinauf zur Halde. Seit März wird geplant, gemessen und organisiert. Alles lief auf diesen letzten Arbeitstag hinaus.

Auf dem Haldenkamm wirkt Nielsen wie ein Dirigent vor seinem Orchester. Jeder Handgriff sitzt, jeder Helfer kennt seine Aufgabe. Die Positionen der Stelen bestimmt ein Lageplan, den Agustín Ibarrola vor mehr als zwei Jahrzehnten selbst angefertigt hat. „Jetzt stehen sie so, wie Ibarrola es immer gewollt hat“, sagt Nielsen und blickt über die Anlage.

Schweres Gerät rollt über den rauen Boden. Die Stelen sind jeweils mit einem Betonfundament verbunden. Ein kleiner Kran hebt sie direkt vom Transportfahrzeug in die vorbereiteten Löcher. Die Positionen hat Nielsen zuvor exakt markiert. Anschließend wurden die Gruben mit dem Bagger ausgehoben. Vor jeder Installation folgt die Kontrolle: Ist das Loch tief genug? Sitzt das Fundament richtig? Erst wenn alles passt, geht es weiter zur nächsten Stele.

Ein besonderer Arbeitsplatz

Die vergangenen Wochen waren nicht immer einfach. Vor allem das Wetter habe immer wieder für Verzögerungen gesorgt, erzählt Nielsen, während er konzentriert Maß nimmt. Trotz aller Anspannung wirkt er erleichtert. Wie fühlt es sich an, nach Wochen der Vorbereitung und Arbeit die letzten Stelen aufzustellen? „Befreiend“, antwortet er.

Für den Transport der schweren Totems hat das Team einen eigens entworfenen Mechanismus genutzt.

Und doch stell er klar, dass ihm die Arbeit Freude bereitet. „Die Aussicht hier oben macht die Halde zu einem ganz besonderen Arbeitsplatz“, sagt er. Tatsächlich reicht der Blick weit über Bottrop hinaus, hier blickt man auf das Ruhrgebiet. Die Totems stehen nun deutlich näher am Rand des Plateaus und sind damit besser sichtbar als zuvor.

„Ich habe gehört, dass man sie sogar in Gelsenkirchen sehen kann“, sagt Nielsen. Auch die Besucher der Halde haben die Rückkehr des Kunstwerks aufmerksam verfolgt. Immer wieder seien Spaziergänger und Wanderer stehen geblieben und hätten sich gefreut, dass die bunten Stelen zurückkehren.

Währenddessen bleibt der Kontakt zu seinem Vater eng. Über Videos und Telefonate hält Nielsen ihn über die Fortschritte auf dem Laufenden. „Wir zeigen ihm, was hier passiert. Wir sprechen häufig. Und ich frage ihn auch mal um Rat“, erzählt er.

Dann richtet er den Blick noch einmal auf die letzten Stelen, die an diesem Vormittag ihren Platz finden sollen. „Das ist jetzt hoffentlich das letzte Mal, dass die Totems umgestellt werden müssen.“

Die Geschichte eines Kunstwerks

Die meisten Menschen sehen die Totems auf der Halde Haniel als selbstverständlichen Teil der Landschaft. Doch hinter ihnen stecken Wochen der Planung, tonnenschwere Technik und vor allem Menschen, die sich mit großer Leidenschaft um ihren Erhalt kümmern.

Nun stehen die Totems wieder dort oben auf dem Haldenkamm, sichtbar weit über Bottrop hinaus. Man kann nur hoffen, dass sie dort lange bleiben. Und dass auch das Vandalismusproblem, das das Kunstwerk in der Vergangenheit immer wieder begleitet hat, künftig keine so große Rolle mehr spielt.

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Valerie Misz

Valerie Misz

v.misz@aureus.de

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