Kirchhellen
45 Kinder und Jugendliche kreieren aktuell auf dem Gelände des Jugend-Klosters Kirchhellen ihre eigene kleine Stadt.Fotos: Aileen Kurkowiak

Jugend-Kloster Kirchhellen macht Kinder zu Bürgern ihrer eigenen Stadt

Kinder und Jugendliche gestalten mit, übernehmen Verantwortung und sollen vor allem eines fühlen: Wir hören euch

Kirchhellen -

Was wäre, wenn Kinder und Jugendliche für drei Wochen ihre eigene Stadt regieren dürften? Wenn sie entscheiden, diskutieren, streiten, Kompromisse finden und am Ende merken: Meine Meinung zählt? Genau das ist die Idee hinter der „WirbelStadt – Ideen drehen durch!“, die jetzt am Jugend-Kloster Kirchhellen gestartet ist.

Drei Wochen lang wird aus dem Jugend-Kloster ein besonderer Lern- und Lebensraum. Bis zum 7. August können dort bis zu 40 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 14 Jahren aus Kirchhellen und Umgebung erleben, wie Gemeinschaft funktioniert und wie viel man selbst bewegen kann. Unterstützt wird das Projekt unter anderem vom Landesjugendamt NRW.

Stationen des Lebens

Das Konzept geht dabei deutlich über ein gewöhnliches Ferienangebot hinaus. Die Teilnehmer bauen ihre eigene Spielstadt auf, übernehmen Rollen und treffen Entscheidungen, die Konsequenzen haben. Sie müssen Aufgaben lösen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit anderen nach Lösungen suchen. Wie halten wir unsere Stadt sauber? Wie schaffe ich den Spagat zwischen Arbeit und Freizeit? Wie reagieren wir, wenn die Lebensmittelpreise in der Stadt plötzlich stark ansteigen? Wie zahle ich reinen Kredit von der Stadt schnellstmöglich zurück?

Die Kinder durchlaufen darin spielerisch verschiedene Stationen eines Lebens: von Kindheit und Ausbildung über Beruf und Familie bis hin zu Krisen, Zukunftsfragen und Ruhestand.

Bezirksbürgermeister Hendrik Dierichs (l.) und Teamer Kai Underberg gratulieren dem mehrheitlich gewählten Bürgermeister der Wirbelstadt, dem elfjährigen Tristan.

Einen Gewinner gibt es dabei bewusst nicht. „Stattdessen geht es um vier Lebensbereiche: Geld, Glück, Erfahrung und Beziehungen“, erklärt Hildegard Kückelmann vom Jugend-Kloster, die das Ganze konzeptioniert hat. Die Botschaft dahinter: Ein gelungenes Leben lässt sich nicht allein am Einkommen messen.

Verantwortung praktisch gelernt

Klimawandel, Digitalisierung, Migration und gesellschaftliche Spannungen prägen die Zeit, in der junge Menschen aufwachsen. Gleichzeitig haben viele Kinder und Jugendliche den Eindruck, dass ihre Meinung in der Gesellschaft zu wenig gehört wird. Das Jugend-Kloster will mit der WirbelStadt deshalb einen Ort schaffen, an dem junge Menschen nicht nur über Demokratie reden, sondern sie selbst ausprobieren können.

Es gibt auf dem Kloster-Gelände neben der Stadthalle und einem Verwaltungstisch auch eine Cafeteria, eine Bank, Geschäfte, eine Spielhalle und ein großes Repertoire, verschiedenen Aktivitäten nachzugehen. Auch das Ehrenamt wurde nicht vergessen. So wird ganz praktisch erlebbar, was Integration, Zusammenhalt und gegenseitige Verantwortung bedeuten.

Der 8-Euro-Muffin

Am zweiten Projekttag wurde ein Bürgermeister gewählt, was sich Bezirksbürgermeister Hendrik Dierichs natürlich nicht entgehen lassen konnte. „Elf Kandidaten gab es“, staunt er, „die in ihrer Wahlkampfrede obendrein alle ein aktuelles Problem in ihrer Stadt angesprochen haben.“ Muffins für acht Euro? Das soll sich schnell ändern, ist dem gewählten Bürgermeister Justus wichtig.

Während manche Kinder über den gesamten Zeitraum der drei Wochen die wachsende Stadt begleiten, wechselt die andere Hälfte im Wochentakt.

Die erste Hochzeit gab es am zweiten Spieltag übrigens auch schon. Allerdings hatte sie eher praktische Gründe: die Heirat fand nicht aus Liebe statt, sondern, um Steuern zu sparen…

Die Kinder lernen, ihre Meinung zu vertreten, anderen zuzuhören und mit unterschiedlichen Ansichten umzugehen. Begleitet wird das Geschehen von pädagogischen Fachkräften und Teamern.

Am Ende geht es bei der WirbelStadt aber um etwas, das sich schwer messen lässt und vielleicht gerade deshalb besonders wichtig ist. „Die Kinder sollen nach drei Wochen nach Hause gehen und das Gefühl haben, dass ihre Stimme gehört wurde. Dass Erwachsene ihnen zugehört haben. Dass ihre Ideen etwas wert sind. Und dass sie selbst etwas bewegen können“, erklärt Kückelmann das große Ziel. Denn wer früh erfährt, dass die eigene Meinung zählt, entwickelt eher den Mut, sich auch später einzumischen.

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Aileen Kurkowiak

Aileen Kurkowiak

aileen.kurkowiak@aureus.de

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