Drohende Schieflage

Bergschäden machen auch vor einem See nicht halt – Die RAG errichtet eine Spundwand, um den Heidesee zu schützen

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Seit die Frostperiode vorbei ist, werden Spundbolzen in den Damm des Westufers eingelassen, um so ein mögliches Auslaufen des Sees zu vermeiden.

An das Abreißen von Häusern, an Reparaturarbeiten an Straßen und Kanalsystemen, daran haben sich die Kirchhellener beinahe gewöhnt, wenn man sich überhaupt daran gewöhnen kann. Dass nun aber der Heidesee drohte abzusacken, darüber zeigten sich nicht nur Naturliebhaber besorgt. Seit Mitte Januar steht schweres Gerät am Westufer des Sees und Bauzäune versperren Spaziergängern den Weg. „Dass es zu einer Maßnahme kommen würde, das wussten wir schon 2001“, sagt Joachim Bock von der RAG. Mit Maßnahme meint der Werksmarkscheider das Einrammen von fünf bis acht Meter langen Stahlspunden an der Westseite des Sees. Auf 550 Meter soll die so entstehende Spundwand dafür sorgen, dass der Heidesee in den kommenden Jahren nicht „ausläuft“. Denn Senkungsvorausberechnungen haben gezeigt, dass genau das passieren könnte. „Unser Abbaufeld Haniel Ost flankiert den See an seiner Westseite. Durch den Abbau wird es hier auch in den kommenden Jahren zu einer Schiefstellung des Geländes kommen.“ Darum greift die Ruhr-Kohle AG (RAG) nun zu den rund 400.000 Euro teuren Präventivmaßnahmen, um eventuellen Schäden entgegenzuwirken.

Der Naturschutzbund NABU sieht in dem Einsetzen der Spundwand zwar einen Eingriff in die Natur, hält es jedoch im Großen und Ganzen für eine umweltverträgliche Maßnahme, die auf Grund der aktuellen Bergsenkungssituation unumgänglich ist, hätte sich jedoch weitergehende Präventionen gewünscht. „Grundsätzlich sind wir mit der Maßnahme ja einverstanden, da sonst der Damm auf Dauer durchnässen und das Gebiet jenseits des Wanderwegs versumpfen und so der dortige Buchenwald zerstört würde. Diese Art Spundwände gelten als nachhaltig und wir gehen davon aus, dass der Damm gesichert ist.

Allerdings sehen wir die Gefahr, dass im Laufe der nächsten Jahre der Wasserspiegel weiter steigt und dann der Uferrandstreifen nach und nach verschwindet“, sagt Reinhard Glowka, erster Vorsitzender des NABU Bottrop. Und eben dieser Uferrandstreifen ist für die heimische Flora und Fauna so wichtig. „Fische finden dort Laichgebiet, Insekten und Vögel ein sicheres Zuhause“, so Reinhard Glowka. Daher hat der NABU die Forderung aufgestellt, dass der Weg 25 Meter weiter westlich gelegt und um fünf Meter erhöht wird. „Das ist aber zu teuer“, so der Naturschützer. Die Einwände des NABU versteht die RAG nicht, ebenso wenig, wie die Diskussion um den Uferrand. „Der Uferrandstreifen wird trotz allem erhalten bleiben“, versichert Joachim Bock.

Mit dem Landschaftsbeirat wurde die Maßnahme zudem nicht nur diskutiert, sondern auch als sicherste und nachhaltigste Lösung eingeschätzt. „Und das können wir auch belegen, schließlich haben wir das gleiche Verfahren am Norddamm des Heidesee durchgeführt und das mit Erfolg“, sagt Joachim Bock.

 

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Spätestens Ende März soll die Spundwand fertig und die Baumaßnahme abgeschlossen sein, dann ist der Weg für Sportler und Spaziergänger wieder frei.

Und schließlich habe der Damm eine Verjüngungskur erhalten. „Wir haben die Lebensdauer des Damms erhöht. Normalerweise halten Dämme dieser Art etwa 100 Jahre. Ein gutes Drittel Lebenszeit hatte der Heidesee-Damm also schon hinter sich und hätte irgendwann vom RVR saniert werden müssen.“ Was bleibt, ist die Frage, was nach 2018, dem Ende des subventionierten Kohleabbaus, kommt. „Unsere Intention ist es nicht, Bergschäden zu verursachen. Doch wo wir Schaden anrichten, da müssen wir ihn regulieren. Und das auch über 2018 hinaus“, sagt Christof Beike, Pressesprecher der RAG. Etwa acht Euro pro Tonne geförderter Kohle fließen in die Regulierung dieser Bergschäden. „Unsere Verantwortung endet nicht 2018. Wir sind auch zukünftig für Bergschäden und deren Regulierung zuständig.“

Aussagen, die die Bürger, deren Häuser vom Bergbau geschädigt sind, vielleicht beruhigen, aber grundsätzlich nicht helfen. Der Initiativkreis Bergbaugschädigter Bürger (ibb) fragt in einem offenen Brief nicht nur den Bergbau, sondern auch die Stadt Bottrop: „Statt sich schnellstmöglich vom Kostenpaket bergbaubedingter Schäden zu lösen, frei werdende Mittel in den Haushalt einzustellen und schleunigst ihren kommunalen Aufgaben gegenüber dem steuerzahlenden Bürger nachzukommen, leistet sich die Stadt den Luxus der Duldung eines gewerbesteuerbefreiten Bergbaus mit Schadenswirkung auf sensible  Siedlungsräume. Das ist nicht Innovation City, das ist Absurdistan“, schriebt Michael Farin, Vorsitzender des ibb. Seit Jahrzehnten klagt der Verein den Bergbau an und beklagt die entstehenden Schäden. Bereits 2001 haben die Mitglieder schon vor dem möglichen Schiefstand des Sees und den damit verbundenen ökologischen Auswirkungen gewarnt. Damals forderte der ibb die kritische Betrachtung des Gebietsentwicklungsplans für den Bereich Kirchhellener Heide und reichte diese Bedenken sogar bei der Europäischen Kommission ein. „Das ist nun genau zehn Jahre her, doch statt Schutzmaßnahmen anzustreben, wurde weitergemacht“, sagt Stephan Heitmann vom ibb. „Dass der Bergbau auch ganz anders kann, wenn er denn will – und keiner kann uns erzählen, dass da nicht ein ganz klein wenig lokal-, regional- und landespolitischer Einfluss im Spiel war – zeigt das Beispiel der Zeche Auguste Victoria in Marl. Laut Pressemeldung will das Bergwerk ab 2012 den Kohleabbau unter dicht besiedeltem Gebiet in Haltern-Lippramsdorf aufgeben und sich stattdessen auf ein Baufeld in der Hohen Mark in unbesiedeltem Gebiet konzentrieren. Es zieht damit die Konsequenzen aus dem EU-Beschluss, den subventionierten Bergbau in Deutschland bis Ende 2018 auslaufen zu lassen: Ein Abschied mit versöhnlicher Note, wie ihn sich auch Prosper-Haniel gönnen sollte – sich selbst und nicht zuletzt den Bürgern Bottrops!“

Die Antwort der RAG hingegen. „Wir können nur da die Kohle abbauen, wo sie liegt. Wo sollen wir also hin, wenn wir nicht unter bewohntem Gebiet abbauen sollen und auch nicht unter unbewohntem Gebiet wie nun am Heidesee?“, fragt Christof Beike von der RAG. Doch für Kirchhellen ist klar, selbst wenn die Spundwände in der Erde versunken, die Spazierwege wieder frei gegeben und so mancher private Bergschaden behoben ist, so bleibt doch bis 2018 und auch danach bei den Bürgern ein bitterer Beigeschmack. gk/gj

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