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Homeoffice für Schüler

Die Corona-Pandemie hat auch die Schulen in Gladbeck vor eine große Herausforderung gestellt.

Gladbeck - Mitte März wurden alle Schulen landesweit geschlossen. Das stellte nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer und Eltern vor eine ganz besondere Aufgabe, denn Smartphones und Computer, die sonst meist zum Zeitvertreib genutzt werden, wurden plötzlich zu unerlässlichen Helfern im Schulalltag. Wir haben mit Michael Mathes, dem Leiter des Schulhauses Gladbeck, und Peter Washausen, Schulleiter der Erich-Fried-Schule, darüber gesprochen, wie gut die Vernetzung mit Smartphones und E-Mails, Schülern und Lehrern funktioniert hat, wie wichtig die Rolle der Eltern hier war und wie der Pandemie-Alltag in der Schule umgesetzt wurde.

Das geflügelte Wort „ins Kalte Wasser geworfen werden“ hat wohl selten besser gepasst als in der Situation, in der sich die Schulen kurz vor den Osterferien wiedergefunden haben. Am 16. März 2020 wurde von den Landes- und Regierungschefs entschieden, dass der gesamte Schulbetrieb in NRW vorerst bis einschließlich zum Ende der Osterferien eingestellt wird. Zum 11. Mai wurden die Corona-Maßnahmen wieder gelockert, dies betraf aber hauptsächlich verschiedene Kultur- und Freizeiteinrichtungen, den Einzelhandel und die Gastronomie. In den Schulen musste der Schulbetrieb schon nach den Osterferien wieder langsam anlaufen. Die diesjährigen Prüflinge haben den Unterricht nach den Osterferien wieder regelmäßiger besucht, der Großteil der Schüler allerdings hat weiterhin zuhause gelernt und die Schule je nach Klassenstufe an bestimmten Tagen und Uhrzeiten besucht. Dennoch: Regulärer Unterricht kann im Moment nicht stattfinden.

Neben der aktuellen Situation wurden die Digitalisierung und digitale Vernetzung zu einem großen Thema in Schulen. Lehrer waren angehalten, den Unterrichtsstoff und Arbeitsanweisungen per Mail oder über bestimmte Plattformen zu verteilen, ebenso mussten Schüler ihre erledigten Arbeiten online an die Lehrer übermitteln. Michael Mathes, der im Schulhaus einigen Gladbecker Schülern Lernunterstützung bietet, hat die Situation der vergangenen Wochen beobachtet: „Es gibt noch Stellen, an denen Optimierung notwendig ist. Besonders im digitalen Bereich.“ Ihm ist aufgefallen, dass es vielen Lehrern an einem tiefen technischen „Know-How“ mangelt, besonders was die online Verbreitung von Arbeitsaufgaben, -anweisungen und einem Feedback angeht. „Gerade bei den Rückmeldungen zu den Schülerarbeiten gibt es einen großen Verbesserungsbedarf. Viele Schüler werden erst jetzt mit den Lehrern über die Aufgaben sprechen, wenn sie wieder im Unterricht sind. Aber Feedback muss schnell kommen, nicht erst Wochen später“, sagt Michael Mathes. Das schließe auch mit ein, dass Lehrer schneller auf die Abgaben der Aufgaben reagieren müssen: „Schüler bekommen sonst den Eindruck, dass sie die Arbeit umsonst machen und verlieren die Motivation.“ Natürlich spielt hier der Lerneffekt auch eine große Rolle, denn Schüler können ohne Rückmeldung nicht wissen, was sie richtig gemacht haben und was nicht, um so an eventuellen Problemstellen verstärkt zu arbeiten. Da die Digitalisierung voranschreitend ist und auch das Homeoffice vielen jetzigen Schülern in einer beruflichen Zukunft durchaus begegnen wird, sollten Schulen schon jetzt damit beginnen, die Schüler in digitaler Schul- beziehungsweise Arbeitsvernetzung zu trainieren. Dies sei langfristig auch geplant. Trotzdem, so ist sich auch Michael Mathes sicher, darf der Frontalunterricht und der persönliche Kontakt zwischen Schüler- und Lehrerschaft nicht verloren gehen.

Schulabschluss in Corona-Zeiten

Mitte Mai sind schulformenübergreifend die Abschlussprüfungen angelaufen. An der Erich-Fried-Schule haben rund 59 Schüler an der Abschlussprüfung im Fach Deutsch am 12. Mai 2020 teilgenommen, verteilt wurden sie auf sechs Räume. „So konnten wir den Mindestabstand garantieren. Wir haben die Tische auseinandergezogen und die Abschlussklassen auf verschiedene Räume aufgeteilt.“ Eine weitere, sehr erfreuliche Nachricht für den Schulleiter war, dass 100 Prozent der angemeldeten Prüflinge auch erschienen sind, denn „wir freuen uns immer die Bestätigung zu bekommen, dass unsere Schüler lern- und schulwillig sind“, sagt Peter Washausen.

Michael Mathes allerdings gibt auch zu bedenken: „Was allerdings noch nicht so stark in den Köpfen präsent ist, sind die Schüler, die im kommenden Jahr ihren Abschluss machen.“ Die diesjährigen Prüflinge stehen sicherlich vor besonderen Situationen, denn die Hygienemaßnahmen müssen natürlich auch im Prüfungsraum gewährleistet sein, so, wie es die Erich-Fried-Schule in Gladbeck-Brauck umgesetzt hat. Im Vorfeld zu den Prüfungen wurden Schülerstimmen laut, die ein Durchschnittsabitur forderten. Auch Demonstrationen gab es in verschiedenen anderen Kommunen bereits. Weiter vorgeschlagen ist ein Notenbonus für die Abschlussnoten, falls die Prüfungen durchschnittlich schlechter ausfallen als in den Vorjahren. „Man muss aber auch sagen“, erklärt Michael Mathes, „dass die Schüler, die jetzt in die Prüfungen gehen, zum Großteil mit dem Lehrstoff und den Klausuren fertig waren. Diejenigen, die jetzt im vorletzten Schuljahr sind, haben gut ein halbes Jahr Lehrstoff verpasst, der so gut wie gar nicht mehr aufgeholt werden kann.“ Man könne vom jetzigen Zeitpunkt aus noch nicht genau sagen, wie die Prüfungssituation im kommenden Jahr aussehen wird, wie gut die Schüler vorbereitet sind und wie sowieso das Schuljahr bis dahin ablaufen wird. „Da müssen wir jetzt erst mal abwarten“, schließt der Leiter des Nachhilfeinstituts achselzuckend. Wir haben Michael Mathes auch nach den Schülern der jüngeren Jahrgangsstufen gefragt, ob er dort Probleme beim Aufholen des Lehrstoffs sieht und ob es Prognosen auf die Prüfungen ab dem Jahr 2022 gibt. Die positive Aussicht seinerseits: „Die jüngeren Schüler haben noch Zeit. Da haben wir die Möglichkeit, den Stoff noch aufzuholen.“

Digitalisierung – schulisches Neuland?

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Unerlässlich in diesen Zeiten waren das Internet und internetfähige Handys. Lehrer wie Schüler mussten in kaum Zeit umdenken und ihren Alltag neu strukturieren. Statt zusammen im Klassenraum neben den Freunden, mussten die Schüler ihre gesamte Kommunikation auf das Smartphone umstellen. „Das Gute ist ja, dass die Schüler schon in ihrer Freizeit viel per WhatsApp mit ihren Freunden kommunizieren. Sie kennen sich auf dem Gebiet gut aus, besser als mancher Lehrer“, gibt Michael Mathes zu. Allerdings, so erzählt er uns, gebe es noch Probleme mit der Einstellung der Schüler zum Thema Schule an sich. „Natürlich schreiben die Jugendlichen viele WhatsApp-Nachrichten mit ihren Freunden. Aber es geht eben nicht nur darum“, hat er beobachtet. Viele kämen nicht auf die Idee, auch im regulären Schulbetrieb beim nachmittäglichen Kontakt mit den Freunden Probleme bei den Hausaufgaben beispielsweise anzusprechen. „Da war es jetzt natürlich auch für die Schüler schwer, umzudenken.“ Wie es in diesem Punkt in der Zukunft aussehen soll, wisse man noch nicht. Ein langfristiger Plan sei es aber, dass Digitalisierung und vor allem die digitale Vernetzung in Schulen thematisiert werden sollen.

Peter Washausen sieht sich und seine Schüler vor andere Probleme gestellt. Denn anders als an anderen Schulformen steht an der Hauptschule der persönliche Lehrer-Schüler-Kontakt im Vordergrund. „Mindestens die Hälfte unserer Arbeit füllt sich durch Erziehungsaufgaben. Die Vermittlung des Lernstoffs steht dem natürlich nicht nach, aber unsere Schüler benötigen an anderweitigen Stellen Aufmerksamkeit“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Daher sei es ein schwieriges Unterfangen gewesen, innerhalb von nur gut zwei Tagen zwischen Ankündigung und tatsächlicher Schulschließung den Schülern verständlich zu machen, dass sie nun eigenständig lernen müssen. „Dazu kommt, dass unsere Schüler nach Schulschluss Feierabend haben. Wir sind eine Ganztagsschule, Hausaufgaben und Lernstoff werden im Schulalltag erledigt. Unsere Schüler brauchen dann aber auch nachmittags ihre Freizeit und das Treffen mit Freunden und sind es bis auf wenige Ausnahmen nicht gewohnt, zuhause zu lernen“, erklärt der Schulleiter das Lehr-Lern-Prinzip der Gladbecker Hauptschule. Außerdem, und auch das sei ein nicht zu verachtender Faktor, ist die Tatsache, dass sich viele der Familien kein hochqualitatives, technisches Markenequipment leisten können. „Aber ich habe sowohl von Lehrern als auch von Schülern viele positive Rückmeldungen bezüglich des Kontakts während der Schulschließungen bekommen. Natürlich kann und darf man nicht von jedem verlangen, Programme wie WhatsApp zu nutzen, aber der Vorteil ist, dass dies ohnehin schon viele tun. Aber auch sonst hielten Lehrer und Schüler aktiven Telefonkontakt miteinander. Außerdem fanden es einige Schüler toll, das Smartphone auch mal nicht für die reine Freizeit zu nutzen und den engen Kontakt zu den Lehrern, der in unserem Schulalltag Pflicht ist, bestmöglich fortgeführt werden konnte“, setzt der Schulleiter hinzu.

Manche der Schüler haben daher die Schulschließung als eine Art Ferien wahrgenommen. Peter Washausen betont: „Zuhause lernen ist nicht gleich zuhause lernen. Gymnasiasten beispielsweise bekommen eben viel eher das selbständige Lernen beigebracht und so ist die digitale Lernweise von Schule zu Schule unterschiedlich gut umsetzbar. Für uns ist es keine Option, unsere Schüler fordern, brauchen und genießen den engen und persönlichen Kontakt zu ihren Lehrern.“

Homeoffice nicht nur für Eltern

Allerdings, so Michael Mathes, müsse den Schülern je nach Schulform schon langfristig und nachhaltig beigebracht werden, sich selbst und ihre Aufgaben zuhause zu strukturieren. „Die meisten Schüler kennen das Prinzip der Wochenpläne schon. Aber dann gibt es natürlich diejenigen, die alles am ersten Tag machen, um dann ihre Ruhe zu haben und diejenigen, die alles zum Schluss machen, weil sie vorher keine Lust haben. Es hat sich aber bereits gezeigt, dass der Lerneffekt höher ist, wenn man jeden Tag ein bisschen am Lehrstoff arbeitet“, sagt Michael Mathes. Und auch hier zeigt sich: Die Einstellung zu Schulaufgaben muss sich ändern. Schule solle nicht als Pflicht gesehen werden, dass etwas erledigt wird, sondern der nachhaltige Lerneffekt müsse im Vordergrund stehen. „Mir haben viele Schüler erzählt, dass sie, als sie dann Zuhause lernen mussten, erst mal erschlagen waren von dem Arbeitsaufwand. Und damit meinten sie nicht die Aufgaben an sich, sondern die Organisation eben dieser“, sagt der Nachhilfelehrer. Da gebe es viele Faktoren, die nicht stimmten, angefangen mit einem geeigneten Arbeitsplatz. „Man darf eben nicht vergessen, dass nicht nur die Eltern im Homeoffice einen ruhigen, abgesonderten Arbeitsplatz benötigen, auch für die Schüler ist es essenziell. So sind sie auch im Kopf mehr bei der Sache, als wenn ein provisorischer Arbeitsplatz geschaffen wurde, beispielsweise am Esstisch.“ Michael Mathes weiß natürlich, dass es nicht in jeder Familie möglich ist, jedem Kind ein eigenes Kinderzimmer mit eigenem Schreibtisch und technischer Ausrüstung zu ermöglichen. Allerdings sollten auch bei mehreren Kindern im Haushalt möglichst separierte und ruhige Arbeitsplätze für die einzelnen Schüler geschaffen werden, um eine Arbeitsatmosphäre aufrecht zu erhalten.

Wie geht es jetzt weiter?

Noch bleibt es unklar, wie und wann der reguläre Unterricht wieder stattfinden kann. „An der Erich-Fried-Schule ist es momentan so, dass wir ein rotierendes System haben. Bisher sind die neunte und zehnte Jahrgangsstufe wieder in der Schule, jeweils immer nur drei Zeitstunden am Stück. Die Schüler werden über verschiedene Eingänge und durch ein Einbahnstraßensystem durch die Schule gelotst, nach Schulende werden die Klassen nacheinander im Zehn-Sekunden-Takt aus den Räumen entlassen. Jeden Tag werden alle Tische von den Reinigungskräften desinfiziert“, berichtet Peter Washausen. Dennoch tauchen immer mal wieder kleinere Probleme auf, denn trotz all der Regulierungen, Vorschriften und Maßnahmen liege der Teufel im Detail. „Wir haben nicht sofort zu 100 Prozent eine Lösung für jedes Problem, das auftaucht. Das geht aber auch gar nicht. Wir geben uns große Mühe, auftauchende Detailfragen schnellst- und bestmöglich zu klären“, sagt der Schulleiter. Weiterhin wird auch zu klären sein, wie der Schulalltag strukturiert wird, wenn die jüngeren Schüler wieder die Schule besuchen. „Die neunte und zehnte Jahrgangsstufe ist erwachsen und vernünftig genug, sich an den Abstand zu halten. Die große Pause gibt es momentan aufgrund der verkürzten Zeiten ohnehin nicht, aber wie gut der Schulalltag mit den jüngeren Schülern aussehen soll, weiß ich auch noch nicht“, sagt Peter Washausen. soll, weiß ich auch noch nicht“, sagt Peter Washausen. // jl

Schule – und jetzt?

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Viele junge Menschen werden in diesem Jahr nicht wie geplant mit ihrer beruflichen Zukunft beginnen können

Viele junge Menschen wollten in diesem August ihre Ausbildung beginnen und den Grundstein für ihre berufliche Zukunft legen, doch mit der aktuellen Corona-Pandemie wird dieser Plan für viele in diesem Jahr umsetzbar sein. Wir haben mit Jens Winter vom Anstoßbüro der Stadt Gladbeck über die Situation gesprochen, in der sich zahlreiche junge Menschen nun befinden.

Der Großteil der Firmen befindet sich in Kurzarbeit, einige Unternehmen kämpfen sicherlich auch um ihr Überleben und ziemlich sicher werden in diesem Jahr nicht wie geplant zum August und September Auszubildende eingestellt. Für die jungen Menschen ist es ein schwieriges Jahr, denn erst mussten sie unter ungewöhnlichen und besonderen Maßnahmen ihre Abschlussprüfungen schreiben und werden dann voraussichtlich nicht ins Berufsleben einsteigen. „Die Jugendlichen, die wir hier beraten, bekommen derzeit fast ausschließlich Absagen für eine Ausbildungsstelle. Bei einigen Firmen werden nicht einmal mehr Vorstellungstermine vereinbart“, berichtet Jens Winter, Mitarbeiter im Anstoßbüro. Alternativen müssen also her. „Wie in vergangenen Jahren auch werden sich viele an den Berufskollegs anmelden, einfach um einen Plan B zur Ausbildung zu haben. Nur gibt es in diesem Jahr gar nicht erst den Plan A, daher werden sich wahrscheinlich mehr Jugendliche als sonst nun an den Berufskollegs anmelden“, vermutet Jens Winter. Auch für das kommende Ausbildungsjahr 2021 sieht er keine guten Prognosen, denn all diejenigen, die in diesem Jahr keine Ausbildung beginnen durften, kollidieren im kommenden Jahr mit denjenigen, die dann ihre Prüfungen ablegen werden. „Wie genau das dann aussehen wird, weiß ja jetzt keiner. Aber es werden sehr viele Berufseinsteiger in Gladbeck auf eine Ausbildung im nächsten Jahr warten und die Bewerberzahl wird deutlich höher sein als üblich“, stellt Jens Winter in Aussicht. // jl

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