Im September 1977 startete Rüdiger Kümmel seine berufliche Karriere beim Bundesgrenzschutz und war einige Jahre zum Personenschutz, unter anderem für den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens, abgeordnet. Allerdings nur für vier Wochen, dann übernahm die GSG9 aufgrund der Terrorlage damals durch die RAF. Nach einer kurzen Zeit bei der „Hausinspektion“, also der Polizei des Bundestages, kündigte er aufgrund der Eintönigkeit dieser Tätigkeit, sehr zum Schrecken seiner Mutter und beschloss, auf dem 2. Bildungsweg sein Abitur nachzuholen.
Mit dem Motorrad durch Gladbeck
1982 startete er bei der Gladbecker Polizei wieder durch. 12 Jahre brauste er als Motorradpolizist durch Gladbeck und wurde zum bekannten Gesicht in der Innenstadt. Einige Bräute haben davon sicher heute noch ein Erinnerungsfoto im Familienalbum. Von 1995 bis 2000 war er beim Einsatztrupp mit Schwerpunkt Straßenkriminalität und Drogendelikte. Insgesamt war er 42 Jahre auf Gladbecks Straßen im Einsatz, nur unterbrochen von fünf Jahren in Bottrop, nach Zusammenführung beider Wachen. In dieser Zeit hat er so einiges erlebt: lustiges, trauriges, schönes und natürlich viele aufregende Erlebnisse.
Das spektakulärste Erlebnis war mit Sicherheit der 16. August 1988. Die älteren Gladbecker werden sich an den versuchten Bankraub der beiden Gladbecker Kleinkriminellen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner erinnern, der in einer aberwitziger Verfolgungsjagd durch halb Deutschland endete. Immer begleitet von der Presse und zahlreichen Schaulustigen. Am Ende kamen im Verlauf der Geiselnahme drei Menschen zu Tode, zwei Geiseln und ein Polizist. Rüdiger Kümmel war damals als Hauptwachtmeister im Führungsstab bis zum Ende involviert. Damals sind bekanntermaßen viele Fehler gemacht worden. Zugriffe wurden aufgrund von Kompetenzgerangel nicht wahrgenommen und vom Schreibtisch aus entschieden, „das wäre heute anders, heute wird nach Lage der Dinge vor Ort entschieden“, so Rüdiger Kümmel.
Geiseldrama 1988
Doch nicht nur das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Wo die Menschen früher der Polizei noch mit Respekt begegnet sind, ist heute bei manchen Zeitgenossen davon nicht mehr viel da. „Der Umgang miteinander ist nicht mehr so reibungslos und locker, besonders bei den Jugendlichen“, bedauert Rüdiger Kümmel die gesellschaftliche Veränderung. Da freut er sich besonders über positive Rückmeldungen, wie zum Beispiel die Unterhaltung mit einer jungen Mutter vor einiger Zeit. Diese bedankte sich bei ihm dafür, dass er sie als Jugendliche wegen Drogen verhaftet und ihr dabei nett ins Gewissen geredet hatte. Das war für sie der Warnschuss, ihr Leben in eine andere Richtung zu lenken. Heute ist sie glückliche Mutter und „Mega dankbar dafür.“ Das sind Erlebnisse, die zeigen, wie wichtig Polizeiarbeit am Bürger ist.
Sowieso war er im Dienst eher der Typ der direkten Ansprache, besonders im interkulturellen Bereich. Der direkte Ton ohne viel Schnickschnack brachte ihm ein gutes Verhältnis und Respekt zu allen Kulturen in Gladbeck ein. Auch den neuen Polizisten, die er als Ausbilder begleitete, schärfte er klare Worte, insbesondere beim stadtbekannten Gladbecker „Klientel“ ein. Die neuen Kollegen und Kolleginnen waren im Laufe ihrer Zeit auf Gladbecks Straßen dafür sicher dankbar.
Aber auch Mord gehörte zu seinem Berufsalltag. So erinnert er sich an den Fall einer älteren Dame, die auf der Görlitzer Straße, genannt „Klein-Korea“, erstochen aufgefunden wurde. Verdächtigt wurde der Enkel der alten Dame. Doch aufgrund mangelnder Beweise, die Mutter hatte „zufällig“ die Kleidung des Sohnes bereits komplett gewaschen und Flusen eines roten Skihandschuhs war dem Gericht zu vage, wurde er freigesprochen.
81 Anzeigen
Das negativste Erlebnis für ihn waren allerdings die 81 Anzeigen während der „Hochzeit“ von Corona, als auch in der Gladbecker Innenstadt Maskenpflicht herrschte. Ein negativ bekannter Gladbecker Obdachloser widersetzte sich renitent der Aufforderung zum Masken tragen. Zahlreiche Aufforderungen von Polizisten ignorierte er und schreckte auch nicht davor zurück, eine junge Polizistin dabei zu ohrfeigen. Immer wieder wurde er an einer Stelle verwarnt und betrat an anderer Stelle erneut die Stadt. Bis er auf Rüdiger Kümmel traf und damit an den Falschen. Bei diesem Zusammentreffen kam er zu Fall und das wurde von einigen Bürgern beobachtet, gefilmt und ohne Kenntnis der Vorgeschichte im Internet verbreitet, was zu den Anzeigen führte. Der Obdachlose wurde irgendwann übrigens beim Bad in Venedigs Kanälen aufgegriffen, verhaftet und ist seitdem unbekannt verzogen.
Doch natürlich gab es auch oft etwas zu lachen. Einmal war er mit einer Kollegin unterwegs, um zwei ausgebüxte Schäferhunde zu suchen, die im Bereich des ehemaligen „Klimperkastens“ auf der Kirchhellener Straße in einem Maisfeld abgängig waren. Keine leichte Aufgabe. Die Kollegin kam auf die Idee, einfach mal zu pfeifen, in der Hoffnung, dass das die Hunde anlocken könnte. Rüdiger Kümmel fand die Idee etwas abwegig, trotzdem folgte die Kollegin ihrem Instinkt und pfiff was die Backen hergaben. Zur Überraschung beider kamen tatsächlich zwei Schäferhunde aus dem Feld und sprangen Schnurrstracks in den geöffneten Polizeiwagen. Dort machten sie es sich auf Fahrer- und Beifahrersitz bequem. Die Rückfrage beim Besitzer ergab, dass die beiden „für ihr Leben gerne Auto fahren.“
Mehr Zeit für die Familie
Alles in allem würde Rüdiger Kümmel seinen Beruf auch heute wieder wählen. Zum Abschied hätte er sich gewünscht, „wie Lucky Luke aus der Stadt zu reiten, in die untergehende Sonne, mit einem geteerten und gefederten Bösewicht im Schlepptau. „ Trotz etwas Wehmut, den Beruf nun nicht mehr auszuüben, freut er sich jedoch darauf, mehr Zeit mit Ehefrau und Hund Joe verbringen zu können. Denn eins der Hobbys der Drei sind gemeinsame Ausflüge in die nähere Umgebung. Zudem ist nun mehr Zeit für die Familie und den Enkelkindern. Ehefrau Heike ist besonders froh, dass ihr Mann nicht mehr in gefährliche Situationen geraten kann. Trotzdem wird es dem 63-jährigen sicher nicht langweilig im „Un“Ruhestand, denn die Beine nun auf die Couch zu legen ist nicht seins. Daher erfreut er nun dreimal in der Woche die Schüler der Waldorfschule mit Sportunterricht, der sicher alles andere als langweilig wird.