Foto: aureus GmbH - Julia Liekweg
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Musik ohne Grenzen in der Musikschule Gladbeck

Dr. Regina Schulze-Oechtering leitet eine Musikgruppe für Menschen mit Behinderung – Wir durften die Gruppe besuchen

Corona ist es geschuldet, dass sich die sonst zehnköpfige Musikklasse momentan nur in zwei kleinen Grüppchen an Freitagabenden treffen darf. „Ich musste die Gruppe eben aufgrund der Maßnahmen splitten. Zwei Musikschüler kommen momentan aus Sicherheitsgründen gar nicht, sodass ich freitags zwei Gruppen à je vier Leuten unterrichte“, erzählt die Sonderpädagogin uns. Wir haben die spätere der beiden Gruppen besucht, Beginn ist hier momentan immer um 18.15 Uhr.

Rebecca ist Anfang 30, Dagmar und Margret gehören mit über 60 beziehungsweise über 70 Jahren zu den älteren Gruppenteilnehmern. In dieser Stunde, die unsere Redaktion besuchen durfte, sind die Frauen nur zu dritt. Sie wohnen alle im Heinrich-Theißen-Haus in Bottrop. „Ich habe bei den kleinen Gruppen darauf geachtet, dass die Gruppenmitglieder eine gewisse wohnliche Nähe zueinander haben oder sogar in der gleichen Einrichtung wohnen. Ein Fahrdienst bringt die Schüler hierher und später auch wieder nach Hause. Wenn die Schüler zusammenwohnen, erleichtert das natürlich die Organisation“, sagt Regina Schulze-Oechtering. Aber die meisten der Musikschüler in der Gruppe kennen sich ohnehin schon seit vielen Jahren, denn die Gruppe „Musik ohne Grenzen“, die früher noch „Spielkreis für Menschen mit Behinderung“ beziehungsweise als „Musiktherapie“ bezeichnet wurde, existiert seit gut 30 Jahren. Als ihr Vorgänger 2015 an der Musikschule aufhörte, übernahm Regina Schulze-Oechtering die Gruppenleitung. 

„Alle Gruppenteilnehmer haben eine geistige Behinderung. Einige von ihnen können Musikwünsche sowie Ge- und Missfallen sprachlich ausdrücken, andere tun dies durch Gestik oder Laute. Das Ziel dieser Gruppe ist es natürlich, durch Musik eine Gemeinschaft zu schaffen und zu lernen, wie sich die Teilnehmer als Gruppe beim Musizieren gegenseitig unterstützen können“, erklärt uns die Lehrerin. Aber auch der pädagogische Aspekt sei wichtig, denn durch das wiederholte Spielen der gleichen Stücke trainieren die Teilnehmer vor allem, sich an die Abläufe und Tonfolgen zu erinnern, sie zu verinnerlichen und immer wieder zu spielen. „Außerdem geht es ja auch um den Sozialaspekt. Die Teilnehmer lernen auch die gegenseitige Akzeptanz, dass jeder Musikwünsche äußern darf und dass wir alle den Musikwunsch des anderen respektieren, auch wenn dies gerade nicht unser Lieblingslied ist.“

Alleine in den vergangenen fünf Jahren hat Regina Schulze-Oechtering ihre Musikschüler intensiv beobachten können. „Die Arbeit mit Menschen mit einer Behinderung bringt natürlich auch mit sich, dass man die Krankheitsverläufe beobachtet. Diese tendieren leider nicht immer zum Positiven. Gerade bei den älteren Teilnehmern kommen irgendwann andere gesundheitliche Probleme dazu, bei anderen setzt manchmal zusätzlich noch eine Demenz ein“, erzählt sie uns auch. Bei dem jüngsten Gruppenmitglied, Rebecca, hat sie allerdings positive Fortschritte im sozialen Bereich beobachten können: „Rebecca hat sich früher sehr schwer damit getan, die Musikwünsche der anderen zu akzeptieren, wenn sie die Stücke nicht mochte. Mittlerweile sind wir wenigstens an einem Punkt, an dem sie sich nicht mehr weinend weigert, die Stücke dann zu spielen. Die Akzeptanz der Wünsche fällt ihr zwar manchmal immer noch schwer, aber dass sie beispielsweise nicht mehr weint, ist ein großer Fortschritt.“.

Regina Schulze-Oechtering erklärt uns außerdem: „Ich bin zwar keine Therapeutin, aber die Musikgruppe hilft diesen Menschen, ein wenig mehr am sozialen, gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Durch das Freizeitangebot, das wir den Teilnehmern hier bieten, können sie beispielsweise auch am Kulturleben teilnehmen.“

An diesem Freitagabend haben sich die Frauen zusammen mit ihrer Lehrerin sechs Stücke ausgesucht, die sie in den 45 Minuten Unterricht spielen wollten. Dagmar gibt an der Rahmentrommel den Takt vor, Margret spielt auf dem Keyboard die Melodien und Rebecca untermalt die Stücke mit den Klangbausteinen. Vor allem Rebecca hat an diesem Abend großen Spaß, denn es werden einige ihrer Lieblingsstücke gespielt. Zunächst hat sie sich „The lion sleeps tonight“ gewünscht, es folgen weitere Lieblingslieder wie die Schlagerhits Nik P.s „Ein Stern“ und Helene Fischers „Atemlos“. Aber auch Margrets Wunsch kommt nicht zu kurz und zusammen spielt die Gruppe auch das afrikanische Lied „Sali Bonani“. Die Tonfolgen sind nicht schwierig, sodass alle Gruppenteilnehmer gut zusammen spielen können. „Früher konnte Margret alle Stücke, die wir hier so geprobt haben, auswendig und nahezu fehlerfrei spielen. Doch langsam merkt man bei ihr eine Verschlechterung im Krankheitsverlauf“, erklärt Regina Schulze-Oechtering im Anschluss an die Stunde. Auch wenn es der Seniorin an einigen Stellen schwer fällt, besonders bei anspruchsvolleren Stücken wie „Atemlos“, lässt sie sich nicht entmutigen und spielt ehrgeizig die Tonfolgen und korrigiert sich, wenn sie einen Fehler festgestellt hat. Aber Fehler sind in Ordnung, die Gruppe „Musik ohne Grenzen“ bietet musikinteressierten Menschen mit einer Behinderung einen geschützten Raum, jeder darf hier in seinem eigenen Tempo spielen. Wer eine kurze Pause braucht, nimmt sich die kurze Pause und steigt wieder in das Stück ein, wenn es passt. Dennoch arbeitet die Gruppe in jeder Stunde daran, gemeinsam und harmonisch zu musizieren. Passagen aus den Stücken werden auch gemeinsam wiederholt, wenn Schwierigkeiten auftreten. „Musik ohne Grenzen“ bietet den Freizeitausgleich, den die Teilnehmer in ihrem Leben aufgrund ihrer geistigen Einschränkung so sonst nicht genießen könnten.

 

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