Das geringere Übel?
Für Kirchhellen war es eine Zeit voller Angst vor dem Verlust der eigenen Identität – und voller Szenarien, die noch weit unerfreulicher wirkten als Glabotki. Bereits in den 1950er-Jahren begann die Debatte über neue Gebietsstrukturen. 1971 legte die Landesregierung das Städteverbandsmodell vor, das Bottrop, Gladbeck und Kirchhellen dem Oberzentrum Essen zuschlagen wollte. Kurz darauf kursierten Pläne einer Dreiteilung Kirchhellens zwischen Gelsenkirchen, Bottrop und Dorsten – ein Schock für das Dorf.
Unter diesem Eindruck erschien vielen Kirchhellenern Glabotki als das kleinere Übel, wenn auch mit viel Gegenwehr. Die geforderte Mindestgröße für eine selbstständige Stadt von 200.000 Einwohnern wäre erfüllt worden: Bottrop mit circa 115.000, Gladbeck mit rund 85.000 und Kirchhellen mit ungefähr 15.000 Einwohnern. „Der Tenor damals war eindeutig: Wenn ein Zusammenschluss sein muss, dann nur mit Bottrop“, erinnert sich Ferdi Butenweg, damals Vorsitzender der Jungen Union und Mitglied der Bezirksvertretung.
Die Bevölkerung leistete Widerstand, Gladbeck und Kirchhellen reichten Verfassungsbeschwerden gegen den 3er-Zusammenschluss ein. Trotzdem wurde Glabotki am 1. Januar 1975 Realität.
Rettendes Nikolausurteil
Die Wende kam am 6. Dezember 1975. Der Verfassungsgerichtshof erklärte den Zusammenschluss für nichtig, da Bürgernähe und Verwaltungseffizienz nicht gewährleistet seien. In Kirchhellen brach spontan Jubel aus: Zusammenkünfte in ganz Kirchhellen feierten und in der Schankwirtschaft Schulte-Wieschen sang man „Großer Gott, wir loben Dich“. Die CDU errichtete eine Woche später sogar ein 1.000 Quadratmeter großes Festzelt, um die neu gewonnene Selbstständigkeit mit einem Volksfest zu feiern.
„Das waren wirklich ereignisreiche Zeiten. Die Erleichterung, die ausbrach, ist nicht in Worte zu fassen“, sagt Butenweg rückblickend. „Die Entscheidung, dass Kirchhellen wieder selbstständig werden kann, löste massive Euphorie aus; die gesamte Dorfgemeinschaft war emotional stark beteiligt.“
Tagelang feierten die Kirchhellener die vermeintlich zurückgewonnene Selbstständigkeit. Sowohl Ruhrnachrichten als auch die Westdeutsche Zeitung berichteten damals von läutenden Kirchenglocken und Böllerschüsse. Doch schon bald wurde klar, dass sie nur Übergangscharakter hatte. „Die Selbstständigkeit war letztlich realistisch nicht zu halten, weil Kirchhellen den vom Land geforderten Verwaltungs- und Bevölkerungsumfang nicht erreichte“, erklärt Butenweg.
Zusammenschluss mit Bottrop
Hinzu kam ein weiteres Problem: „Im Zeitraum um das Nikolausurteil herum gab es einen Pressestreik“, erinnert er sich. Die Unsicherheit wuchs, als Gelsenkirchen kurzzeitig Interesse zeigte, Kirchhellen und Gladbeck nach Buer einzugemeinden.
Nach intensiven Verhandlungen entstand schließlich die bis heute gültige Lösung: Kirchhellen schloss sich gemäß dem am 14. Mai 1976 unterzeichneten Gebietsänderungsvertrag Bottrop an. „Die Bürger konnten nicht ausreichend informiert werden, was zu Gerüchten und auch Misstrauen führte, etwa dass lokale Politiker Kirchhellen nach Bottrop verkauft hätten“, betont Ferdi Butenweg.
Für viele war es dennoch die bevorzugte Option – und vor allem die deutlich bessere Alternative zu den zuvor drohenden Zerschlagungsplänen. Dennoch zeichnet sich heute wie früher besonders bei den älteren Generationen ab: die Kirchhellener sind keine Bottroper geworden – darauf bestehen noch immer viele.