Kirchhellen

Meine Kirchhellener Lieblingsmenschen

Eine Kolumne von Stina Schulzke

Kirchhellen -

Einige von Euch haben es vielleicht schon über mein Facebook- oder Instagram-Profil mitbekommen: Ich bin wieder aktiv im Kirchhellener Dorfkern unterwegs! Aber warum konnte ich überhaupt fast drei Jahre die Wohnung nicht verlassen?

Ich habe in den vergangenen zehn Jahren die Welt von ihrer schlechtesten Seite kennengelernt. Angefangen von Klassikern wie Sick-Shaming, also das konstante Niedermachen wegen der Tatsache, dass ich krank bin, bis hin zur Ausnutzung, Benutzung und Hintergehung von allerlei Menschen. Irgendwann hat meine Psyche dann den Ort „draußen“ als potenziell gefährlich eingestuft, weil jeder Besuch in der Außenwelt immer in einer weinenden Umarmung allein unter der Dusche geendet hat.

Aber mal Karten auf den Tisch… Immer nur zuhause rumsitzen ist wie Sterben auf Raten.

Also kommt hier ein Rückblick der vergangenen Woche! Ein unschöner Zwischenfall hat sich ereignet… Nach knapp vier Jahren hatte ich das erste Mal eine Erkrankung, die sich weder mit Zwiebelsäckchen, noch mit Kamillentee heilen ließ! Wirklich ein ungünstiges Ereignis, denn mein Hausarzt liegt nicht in meinem Wohlfühl-Radius.

Ich sitze also die ganze Nacht bis 5 Uhr morgens vor dem PC, denn mit den Schmerzen konnte ich ohnehin nicht schlafen und denke ernsthaft darüber nach, einen schamanischen Wunderheiler für einen Spottpreis von nur 698,95 Euro zu buchen…. Denn der kommt wenigstens zu mir nach Hause… Bis ich einen Moment der Erleuchtung hatte! Auf einmal überkam es mich, diese absolute Erkenntnis - In Form meines Freundes, der mir deutlich zu verstehen gab, dass er mich jetzt zum Arzt schleifen wird, da wir keine 700 Euro für einen Schamanen ausgeben werden!

Nachdem auch die 7,99 Euro Heilkristalle von Amazon abgelehnt wurden, verschwand ich im Schlafzimmer, um mich auf den Arztbesuch vorzubereiten… Ich zitterte am ganzen Körper. Vor der Arztpraxis war ich völlig aufgelöst.

Ich erinnere mich nicht, was real war und welchen Horror sich mein Kopf dazu gedichtet hat. Aber ich rechnete mit abschätzigen und verurteilenden Blicken, grauen Wänden und bohrendem Hass von allen Seiten. Mein Panikattacken-Level war mir bis unter die Nase gestiegen!

Zu meiner großen Überraschung durfte ich feststellen, dass absolut gar nichts davon zutraf! Mein Freund hatte bereits vorher in der Praxis angerufen und über meine Situation informiert. Mich erwarteten strahlende Gesichter. Sanft wurde ich in den Warteraum geführt. Ich begann gerade einen Pullover zu stricken, um eine weitere Panikattacke zu verhindern, als eine Arzthelferin meine, wohl kaum zu übersehende Panik erkannte und sich zu mir gesellte und ablenkte, bis der Arzt Zeit für mich hatte.

Der Arztbesuch selbst war ein absoluter Klacks! Ich verließ die Praxis und war wie ein neuer Mensch! Konnte es sein? War die Welt vielleicht gar nicht so böse? Vollgepumpt mit Adrenalin wie ein Meerschweinchen auf Karottensaft setzte ich mich ins Auto und wies meinen Freund an durchs Dorf zu fahren! So weit sind wir eine Ewigkeit nicht gefahren und ich kam sogar noch weiter!

So viel hat sich verändert, seit ich zuletzt dort war. Ich stieg aus dem Auto und rannte in jedes Geschäft rein, das geöffnet war! Irgendwo zwischen Timmerhaus und Pieper begannen die ersten Freudentränen zu kullern. Als ich dann aus der Parfümerie kam, mit meinem allerersten „große Mädchen“-Parfüm, brachen alle Dämme! Ein sonniger Tag voller verständnisvoller und lieber Menschen. Die Welt, wie ich sie kannte, gibt es anscheinend nicht mehr. Ich fühlte mich akzeptiert.

Seitdem ist schon einiges passiert. Ich war auf dem Dorffest und konnte zum ersten Mal seit langer Zeit den Geburtstag einer neuen Freundin besuchen! Jedes Mal, wenn ich raus gehe und etwas Gutes passiert, werde ich sicherer und weniger ängstlich. So überwindet man Stück für Stück eine Angststörung! Und weil es so viel Hilfe und Support in diesem Dorf gibt, möchte ich mich einmal im Monat bei meinen Kirchhellener Lieblingsmenschen bedanken, die mich ein Stückchen weiter in meiner Genesung gebracht haben.

Diesen Monat geht der Dank an die Sprechstunden-Helferinnen der Praxis Dr. Becks, die mich dank ihrer freundlichen und verständnisvollen Art um ganze zwei Kilometer Lebensqualität reicher gemacht und mir meine vier Jahre anhaltende Essstörung genommen haben… Ihr rockt!

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Stina Schulzke

Stina Schulzke

s.schulzke@aureus.de

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