Foto: Gundis Jansen-Garz

Giftmüll in NRW - Der Skandal um die Ölpellets in Gahlen

Sind unsere Behörden mit der Kontrolle überfordert? - Das war die große Frage während des WDR 5 Stadtgesprächs in Schermbeck, bei dem jedoch noch immer Antworten offen blieben.

Schermbeck - Das WDR 5 Stadtgespräch sendete Anfang September live von einer Bürgerversammlung im Café Holtkamp in Gahlen. Die Moderatorinnen Judith Schulte-Loh und Verena Lutz ließen die besorgten Bürger zu Wort kommen.

Der Skandal um die illegal eingelagerten giftigen Ölpellets aus der BP-Raffinerie in Gelsenkirchen beschäftigt seit rund drei Jahren die Gahlener Bürger, Behörden, Justiz und Medien. Auf dem Gelände der Firma Nottenkämper in Gahlen sollen zwischen April 2010 und April 2015 knapp 30.000 Tonnen Ölpellets mit anderen Industrieabfällen vermischt und ohne umweltrechtliche Erlaubnis in die Tongrube gekippt worden sein. Auf dem Podium saßen Dr. Stefan Steinkühler, Jurist und Vorsitzender des Gahlener Bürgerforums, Ingo Brohl, CDU-Landratskandidat Wesel und Dr. Joern-Helge Bolle, Facharzt für Arbeitsmedizin und Spezialist für Gefahrenstoffe. Ein Stuhl blieb leer – das Bürgerforum hatte auch Landrat Dr. Ansgar Müller eingeladen, der jedoch andere Termine wahrnehmen musste.

„Hochgradig krebserregend“

Um einen groben Überblick über die Geschehnisse zu bieten, gab es zunächst einmal einen Radio-Einspieler, der die Dimension des Falls schilderte. Stefan Steinkühler kommentierte dies: „Die Ölpellets sind hochgradig krebserregend und auch mutagen, können also Mutationen auslösen. Sie sind eine der schlimmsten Substanzen, die man sich vorstellen kann. Diese Einschätzung unterstrich auch Hobbyschäferin Christiane Rittmann aus Gahlen: „In jeder Familie im Umkreis des Mühlenbergs, wo die Tongrube liegt, gibt es mindestens einen Krebsfall. Das ist doch nicht normal!“ Außerdem macht sie sich Sorgen um die Tiere und fragt an, ob man das Heu von der Wiese überhaupt nutzen könne. Den Gartroper Jägern sei aufgefallen, dass bei sehr vielen Tieren Lebertumore zu finden seien. Zwar gab es keine konkrete Antwort auf diese Fragen, dennoch konnte Dr. Joern-Helge Bolle bestätigen, dass es keine Konzentration der Giftstoffe aus den Ölpellets gäbe, die ungefährlich sei. Soll heißen, auch Wasser verdünnt die Gefahr nicht.

Wer ist verantwortlich?

Ein Stuhl blieb leer, Landrat Dr. Ansgar Müller musste andere Termine wahrnehmen. Foto: Gundis Jansen-Garz

Ein Anwohner, der am Rand der Deponie wohnt, berichtete, dass sein Sohn an Krebs erkrankt sei. Er halte es für undenkbar, dass die Ölpellets keine Giftstoffe an die Umgebung abgeben. Die Frage, ob es in Schermbeck eine signifikante höhere Krebsrate gäbe, konnte Bürgermeister Mike Rexforth nicht beantworten. Es gibt zu Krebsfällen keine Dokumentationen, Mike Rexforth will jedoch eine Anfrage diesbezüglich stellen. Die Wut der Anwohner ist groß, weil es keine klare Aussage von Seiten der Behörden und der Verursacher gibt, weil ihre Gesundheit und die ihrer Kinder auf dem Spiel steht und sich alle Verantwortlichen immer nur herausreden.

Doch wer ist überhaupt verantwortlich? Hätte man die Pellets riechen können und wurde richtig beprobt? Auch diese Fragen wurden von den Besuchern gestellt. Stefan Steinkühler konnte berichten, dass Dr. Ulrich Malorny vom Landesumweltamt davon ausgehe, dass die Pellets hätten gerochen werden können. Thomas Eckerth, Geschäftsführer der Firma Nottenkämper, der sich zum wiederholten Mal den Anfragen der Bürger stellte und dafür beklatscht wurde, entgegnete jedoch: „Wir haben nichts gerochen, weil die Mengen des Abfalls so groß waren, dass die Ölpellets darin nur in Promillemengen vorhanden waren.“ Er stellt seine Meinung klar dar: „Die Pellets müssen in einer Sondermülldeponie verbrannt werden.“ Doch dies sei, bei insgesamt 4,2 Millionen Tonnen Abfall insgesamt, die in der Tongrube liegen, „fast ein Ding der Unmöglichkeit“.

Der Skandal bleibt

Um die Kontrollen zu verbessern, versprach Umweltministerin Ursula Heinen-Esser in einem weiteren Einspieler, dass in Zukunft bessere Kontrollen im Abfallgewerbe erstellt würden. Doch die kriminelle Energie, die in diesem sehr lukrativen Geschäft offensichtlich jede Gesetzeslücke nutzt, sei nur sehr schwierig einzudämmen. Ein neues Gutachten versprach sie, doch Stefan Steinkühler ist da skeptisch, denn: „Es wird im Gegensatz zur Ankündigung nicht flächendeckend sein. Der Gutachter entscheidet, was begutachtet wird, um ein wildes Drauflosbohren zu vermeiden.“ Am Ende war klar: Auch das WDR 5 Stadtgespräch konnte keine neuen Erkenntnisse liefern – der Skandal bleibt, die Ölpellets wohl auch. gj

 

Das WDR 5 Stadtgespräch aus Schermbeck finden Sie auch zum Nachhören in der WDR Mediathek.

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