Gladbeck
Fotos: Nicole Gruschinski

„Ein Moment, in dem ganz Gladbeck stolz auf dich ist“

Neele Schuten schreibt mit der Silbermedaille bei den olympischen Winterspielen in Cortina d´Ampezzo Sportgeschichte - Auch ihre Heimatstadt Gladbeck ist stolz auf die Sportlerin

Gladbeck -

Als Neele Schuten in Cortina d’Ampezzo über die Ziellinie schoss, ahnte sie noch nicht, dass sie in diesem Augenblick in ihrer  Gladbecker Heimat Stadtgeschichte schreiben würde. Erst als Pilotin Lisa Buckwitz jubelnd aus dem Bob sprang, begriff die 26‑Jährige, dass es tatsächlich die Silbermedaille geworden war, ein Erfolg, der weit über die Heimatstadt hinaus strahlt.

Nun, einige Wochen später, sitzt Neele im Ratsaal der Stadt Gladbeck. Dort, wo sonst politische Entscheidungen fallen, trägt sie sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Ein Moment voller Stolz, Wärme und Anerkennung, für sie, für ihre Familie, für ihren Verein TV Gladbeck und für ihre ganze Stadt, die ihren Weg aufmerksam verfolgt hat.

Ein sportlicher Triumph, der Gladbeck bewegt

„Mit deiner Silbermedaille bei den Olympischen Winterspielen 2026 hast du ein Stück Gladbecker Stadtgeschichte geschrieben“, würdigte Bürgermeisterin Bettina Weist die Athletin. „Deine Disziplin, dein Ehrgeiz und deine Leidenschaft sind ein Vorbild, für den TV Gladbeck, für alle Sportvereine und ganz besonders für die junge Generation.“

Die Bilder aus Cortina hätten viele Menschen in Gladbeck tief berührt: die eisige Luft, die Spannung vor dem Start, der Bob, der durch die Kurven jagt  und schließlich die grüne Zahl im Ziel. „Ein Moment, in dem ganz Gladbeck stolz auf dich ist“, so Weist.

Mit ihrer Silbermedaille ist Neele Schuten die erste Gladbeckerin, die bei Olympischen Winterspielen eine Medaille gewonnen hat. Damit reiht sie sich ein in die Tradition großer Gladbecker Sportlerinnen und Sportler, allen voran Willy Kaiser, der 1936 im Boxen Olympiagold holte und bis heute der einzige Olympiasieger der Stadt ist.

Vom Hürdensprint in den Eiskanal

Ihre Karriere begann beim TV Gladbeck 1912, zunächst in der Leichtathletik. Hürdensprint, Siebenkampf, unzählige Trainingseinheiten. Die athletischen Grundlagen, die sie dort legte, wurden später im Bobsport zu ihrem größten Vorteil.

Wie kommt man überhaupt dazu, als Leichtathletin aus Gladbeck, einer Stadt, die nun wirklich nicht als Eldorado des Wintersports gilt, zum Bobsport zu wechseln? „Mein Trainer Heiner Preute ist früher selbst Bobfahrer gewesen“, erzählt Neele. „Und er meinte irgendwann: Komm, probier du es doch auch einmal.“ Zuvor hatte er bereits Annika Drazek, die ebenfalls aus Gladbeck stammt, sowie Kira Lipperheide sehr erfolgreich trainiert. Gewechselt hat sie 2021 in die Abteilung Kufe. Schon 2023 gewann Neele mit Laura Nolte ihr erstes Weltcuprennen, wurde Europameisterin  und nun bei der Winterolympiade Silber.

Der entscheidende Lauf – und ein Moment purer Freude

Beim olympischen Finallauf fühlte sich zunächst alles ganz normal an: Kabine, Treppe, Start. „Man spürt die Bande extrem“, erzählt Neele, „aber gefühlt war es keine perfekte Zeit.“ Die Anzeige konnte sie nicht sehen. Erst als Lisa Buckwitz „ausrastete“, wusste sie, dass es gereicht hatte. „Weil ich so unter Strom stand, habe ich irgendwann die Bremse gar nicht mehr losgelassen, deshalb kamen wir erst am Hang zum Stehen“, erinnert sie sich lachend. In dem Moment war ihr das zwar etwas peinlich, doch die Aufregung und Freude überwogen schnell. Von Erleichterung konnte da allerdings noch keine Rede sein. „Man ist ja komplett auf Adrenalin und Booster.“ Erst als der Medienrummel mit Interviews und einem kleinen Fotomarathon im Zielbereich auf sie einprasselte, begann sie langsam zu realisieren, dass die Beiden gerade die Silbermedaille gewonnen hatten.

Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man bei Olympia auf dem Siegertreppchen steht und die Silbermedaille überreicht bekommt? „Das ist schon so ein abschließendes Gefühl“, beschreibt Neele diesen Moment. „Der Wettkampf rundet sich damit ab, und man realisiert erst langsam, was man erreicht hat, wenn man die Medaille in den Händen hält.“ Ein Augenblick, der ihr bis heute besonders in Erinnerung geblieben ist. Zumal es für sie das erste Mal war, dass sie alle vier Fahrten innerhalb der zwei Wettkampftage absolvierte. Bei der Weltmeisterschaft war sie zuvor noch ausgetauscht worden. Entsprechend war sie im Ziel „erstmal richtig fertig“.

Gesichtskirmes unmöglich

Zur emotionalen Atmosphäre tragen natürlich auch die Nationalhymne sowie die Anwesenheit von Familie und Trainerteam bei. Gleichzeitig weiß man, dass die Kameras beim Livestream jedes Detail einfangen, allzu große „Gesichtskirmes“ ist da nicht drin.

Der Bob allein bringt 170 Kilogramm auf die Waage – nicht gerade wenig für eine zierliche Athletin wie Neele. Insgesamt darf das Gewicht des Bobs inklusive Besatzung 330 Kilogramm nicht überschreiten. „Wir wiegen uns bis auf das Gramm genau. Das muss man immer im Blick behalten, sonst droht die Disqualifikation“, erklärt sie das Reglement. Dabei müsse man auch berücksichtigen, dass man morgens weniger wiegt als abends. Gewogen wird nach dem ersten Lauf; Ziel sind exakt 330 Kilogramm, idealerweise mit einem Puffer von rund 500 Gramm. Erst danach kann man entspannt essen und trinken.

Zwischen Heimat, Beruf und großen Träumen

Nach den Spielen gönnte sie sich drei Wochen Erholung. Ziele für die Zukunft? Noch offen. Aufhören? Keine Option. Für die nächsten Olympischen Winterspiele zeigt sie sich bereit, aber nicht als Pilotin. Das größere mediale Interesse, das Buckwitz erfährt, wäre ihr „am Ende doch zu viel“. Außerdem liebe sie ihre Rolle: „Ohne uns geht gar nichts, um das mal ganz platt zu sagen.“

Ihr Herz schlägt weiterhin auch für die Leichtathletik. Und für ihre Heimat, auch wenn sie beruflich oft in Bayern ist. „Man braucht verständnisvolle Freunde und Familie, die das mittragen.“

Für Trainer Heiner Preute ging mit der Silbermedaille ebenfalls ein „Lebenstraum in Erfüllung“. Er war in Cortina live dabei, trotz schwieriger Wetterbedingungen, die die Begleitung vor Ort erschwerten. Der erfahrene Trainer hatte dabei sogar „ein oder zwei Tränen im Auge“, so Neele.

Ein Vorbild für die nächste Generation

Natürlich hofft Neele, dass Jugendliche in ihre Fußstapfen treten. Ihr wichtigster Rat: „Man muss sich beim Training wohlfühlen und den richtigen Trainer an seiner Seite haben.“ Dranbleiben lohne sich – auch an schweren Tagen. „Aber wenn es keinen Spaß macht, dann ist es nicht das Richtige.“

Für sie selbst war die Freude am Sport immer der entscheidende Antrieb. Und vielleicht ist genau das das Geheimnis ihres Erfolgs: Leidenschaft, Mut und die tiefe Verbundenheit zu einer Stadt, die stolz auf sie ist.

Mit beeindruckender Konsequenz arbeitet sie an ihrem Erfolg. Ob im Training, bei Wettkämpfen oder in der öffentlichen Wahrnehmung: Neele Schuten steht für eine Generation junger Athletinnen, die sich nicht nur über Medaillen definieren, sondern auch über Haltung, Teamgeist und Fairness. Ihr olympischer Weg inspiriert viele junge Sportler in Gladbeck und darüber hinaus  und macht sie zu einer Persönlichkeit, die man in den kommenden Jahren weiter im Blick behalten wird.

 

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Nicole Gruschinski

Nicole Gruschinski

n.gruschinski@aureus.de

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