Schermbeck
Fotos: aureus GmbH - Valerie Misz
Fotos: aureus GmbH - Valerie Misz

Lippeverband schließt zwei Mammutprojekte ab

Die Kläranlage und der Mündungsbereich des Mühlenbachs wurden für rund 21 Millionen Euro umgebaut – Umweltministerin ist vom Ergebnis „geplättet“

Schermbeck -

Mit dem Abschluss der Erneuerung der Schermbecker Kläranlage, kam Umweltministerin Ursula Heinen-Esser zu Besuch. Über einen Zeitraum von sechs Jahren wurde die Anlage umgebaut. „Der Umbau fand während des laufenden Betriebs statt. Wir haben hier jeden Stein umgelegt“, erzählt der technische Leiter des Lippeverbands Dr. Emanuel Grün.

Er schätzt, dass der Bau einer solchen Anlage auf einer grünen Wiese etwa zwei Jahre gedauert hätte. Als unverzichtbare Infrastruktureinrichtung musste die Kläranlage aber rund um die Uhr weiterlaufen. „Umso stolzer bin ich auf den reibungslosen Ablauf“, ergänzt Grün.

Schon seit den 1970er Jahren betreibt der Lippeverband die Kläranlage in Schermbeck. Zuletzt wurde sie 1992 umfangreich saniert und war demnach in die Jahre gekommen. Auch der große Einwohnerzuwachs führte dazu, dass vor sechs Jahren nicht nur die Technik der Anlage auf den neuesten Stand gebracht werden sollte, sondern auch die Kapazität der Einwohnerzahl von 16.000 auf 18.000 wurde jetzt angepasst. Dafür wurden unter anderem zwei große Nachklärbecken gebaut, die bereits seit 2017 in Betrieb sind. Für den Bau hat der Lippeverband das Areal der Kläranlage in Richtung Mühlenbach erweitert. Diese Becken fassen jeweils ein Wasservermögen von 1.266 Kubikmetern. Im Zuge der Modernisierung wurden außerdem das Betriebsgebäude, der Sandfang, das Vorklärbecken sowie die Fällmittelanlage und die Schlammsilos 1 und 2 erneuert.

Modern und klimafreundlich

Nicht nur moderner, sondern auch klimafreundlicher ist die Abwasserreinigung in der Schermbecker Kläranlage geworden. „Kläranlagen machen mit rund 20 Prozent den größten Einzelposten des Energiebedarfs einer Kommune aus“, erklärt Ministerin Heinen-Esser. Durch einen hohen Grad an Energieautarkie könnten Anlagenbetreiber einen nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Deshalb wird im Rahmen der Photovoltaik-Initiative des Lippeverbandes eine PV-Anlage zur Stromerzeugung aus Sonnenenergie folgen. Schon jetzt könne man 47 Prozent des Bedarfes mit Eigenenergie decken, betont Emanuel Grün. Weiter führt der Technische Vorsitzende aus, dass das Abwasser selbst vor der Re-Investition sicher und gesetzeskonform gereinigt wurde: „Durch den Bau eines Blockheizkraftwerks, das Klärgas direkt verstromt, senken wir die CO2-Bilanz.“ Mittlerweile sind sämtliche Entwässerungsgebiete im Gemeindebereich Schermbeck an die Kläranlage angeschlossen und das millionenschwere Projekt abgeschlossen. Gerd Abelt, Vertreter des Bürgermeisters, betont, wie positiv er die Entwicklung in der Gemeinde sieht: „Ich freue mich, dass Schermbeck besonders für junge Familien so attraktiv ist.“ Mit dem Ausbau der Kläranlage ist ein wichtiger Schritt erfolgt, um der Einwohnerzahl gegenüber weiter gerecht zu bleiben.

Auf den Wegen des Wassers

Das Wasser der Kläranlage fließt in unmittelbarer Nähe in den Schermbecker Mühlenbach, der knapp einen Kilometer entfernt in der Lippe mündet. Dieser Mündungsbereich am Gietlingsweg ist im Rahmen des Programms „Lebendige Lippe“ vom Lippeverband umgestaltet worden. Bereits Ende vergangenen Jahres konnten die Arbeiten früher als geplant abgeschlossen werden. Bisher musste der Lauf des Mühlenbachs einen Höhenunterschied von 2,6 Metern auf einer Länge von 190 Metern überwinden. Das steile Gefälle bot keinen guten Lebensraum für Fische und andere Wasserbewohner. Deswegen bekam der Bach nun eine Laufverlängerung von 270 Metern und verlängerte sich damit auf 460 Meter. 35.000 Tonnen Boden wurden dafür ausgehoben. Der Höhenunterschied wurde mit zwei jeweils etwa 32 Meter langen Sohlgleiten mit einer Absturzhöhe von einem Meter ausgeglichen. „Dabei kam eine außergewöhnliche Technik zum Einsatz“, erklärt der Projektleiter Rolf Debus. An jeder Sohlgleite sind zwölf Kaskaden-Becken miteinander verbunden. „Man kann sich das wie eine Fischtreppe vorstellen, mit Hilfe derer die Fische rauf- und runterschwimmen können. Durch kleine Schlitze gelangen sie von einem Becken in das nächste, in dem sie sich dann auch ausruhen können“, führt Anne-Kathrin Lappe, Sprecherin des Lipperverbands, weiter aus. Die Becken sind etwa zwei mal drei Meter groß und besitzen 15 Centimeter breite Schlitze, durch die die Lebewesen wie die Bachforellen und Stichlinge ihren Weg bis zum Stauwerk des Schermbecker Mühlenteichs antreten können.

Ökologische Vielfalt und Hochwasserschutz

Der alte Bachlauf wurde von dem neuen Verlauf abgebunden. Das „Reststück“ des Laufs wird „sich selbst überlassen“ und soll als Biotop für die Tierwelt erhalten bleiben. „Für viele Tiere ist der schattige Bereich wichtig. Selbst, wenn der Bereich austrocknen sollte, bietet der Schlamm Lebensraum“, erklärt Anne-Kathrin Lappe. „Wir haben eine Menge Totholz ausgegraben, das als Strukturelement am Bachlauf verteilt ist. Insekten und andere Tiere können diese als Unterschlupf nutzen“, ergänzt Debus. Mit der Zeit soll sich die Natur ungestört regenerieren können. Umweltministerin Ursula Heinen-Esser war zuletzt vergangenes Jahr zum Spatenstich vor Ort und ist sprichwörtlich „platt“, als sie das Ergebnis sieht: „Ich denke, die Bilder sprechen für sich: Aus einem schnurgeraden, überformten Gewässer ist eine hochwertige Landschaft geworden. Dieser Ort ist nicht wiederzuerkennen.“ Beinahe sprachlos betrachtet sie das Ergebnis monatelanger Arbeit. Rund 3,6 Millionen Euro sind in den neuen Mündungsbereich geflossen. Im Dezember folgte dann der Durchstich zur Lippe. „Es wird spannend sein, die weitere Entwicklung zu beobachten. Dabei tragen wir den biodiversen Ansprüchen genauso Rechnung wie dem Hochwasserschutz“, ergänzt Prof. Dr. Uli Patzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes. Als Rückstaufläche können sich nämlich Lippe und Mühlenbach bei hohen Wasserständen dank der abgesenkten Fläche in den Auenbereich des Schermbecker Mühlenbachs ausdehnen. „Im Januar konnten wir bereits beobachten, wie sich der neue Mündungsbereich bei Hochwasser verhält“, so Debus zufrieden. Landrat Ingo Brohl betont abschließend: „Mit dem neuen Mündungsbereich hat man einen wertvollen Lebensraum geschaffen. Das Projekt zeigt, wie gut sich Wasserwirtschaft und Behörden ergänzen und gemeinsam wichtige Maßnahmen für die Region umsetzen können.“

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Valerie Misz

Valerie Misz

v.misz@aureus.de

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