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Abitur in der Krise - Gesamtschüler machen Ängsten um ihren Abschluss Luft

Die Abiturienten der Gesamtschule Schermbeck haben ihren Sorgen und Ängsten um ihren Abschluss mit einer friedlichen Demonstration Gehör verschafft

Schermbeck - Der normale Abiturstress wird in diesem Jahr von einer größeren Krise überschattet: Die Corona-Pandemie hat viele Ängste und Sorgen in den Schülern hervorgerufen. Sie finden es unfair und unsicher, sich mit so vielen anderen Menschen wieder in die Schulen zu begeben und kritisieren die Umstände, unter denen sie die wichtigsten Prüfungen ihrer Schullaufbahn absolvieren sollen. Deswegen haben die Abiturienten der Gesamtschule Mitte April demonstriert, um diesen Ängsten und Sorgen Raum zu geben und um von der Regierung gehört zu werden.

Das hätten sich viele der jungen Erwachsenen nicht träumen lassen: So kurz vor dem Schulabschluss hatte die Regierung landesweite Schulschließungen verordnet. „Für viele war das ein abruptes Ende ihrer Schulzeit, das sie sich selbst nicht ausgesucht haben“, berichtet Norbert Hohmann, Schulleiter der Gesamtschule Schermbeck. „Wir können von Glück sagen, dass wir zu dem Zeitpunkt schon mit dem Lehrstoff und den Klausuren durch waren.“ Nun stehen aber Überlegungen an, den Unterrichtsstoff in Form kleiner Workshops noch einmal Revue passieren zu lassen. Dass die Prüfungen stattfinden, ist zum aktuellen Zeitpunkt schon gesichert, sie werden lediglich um drei Wochen auf Mitte Mai verschoben. „Wie genau die Prüfungsbedingungen dann offiziell aussehen werden, wissen wir noch nicht. Die Schüler machen sich momentan große Sorgen wegen der aktuellen Bestimmungen, unter denen die Prüfungen abgelegt werden sollen – dass sie sich da nicht sicher fühlen und sich Sorgen machen, kann ich verstehen“, sagt Norbert Hohmann.

Doch nicht nur die Sorgen stehen für die Abiturienten gerade im Vordergrund, ihnen werden auch viele schöne Erfahrungen genommen. Anders als ihre Vorgänger werden sie nicht die Ausgelassenheit der eigenen Mottowoche kennenlernen, in der die ganze Stufe bunt verkleidet ihre letzten Schultage vor den Osterferien feiert. Sie werden nicht zusammen den letzten offiziellen Schultag mit guter Laune und Streichen zelebrieren dürfen. Sie werden höchstwahrscheinlich auch nicht den Gottesdienst, die Zeugnisvergabe, den sommerlichen Abiball und auch nicht die dazugehörige Feier haben. Sie werden einfach keinen feierlichen Abschluss von ihrer Schulzeit mit Freunden und Familie genießen dürfen. Regelmäßig berät sich das Komitee, das den Abiball eigentlich plant, über das weitere Vorgehen. „Die Schüler müssen sich nun auch mit Stornierungen auseinandersetzen. Eine geplante Feier mit mehreren hundert Menschen in der Niederrheinhalle in Wesel wird nicht stattfinden können“, erklärt der Schulleiter. Bis Ende August sind Großveranstaltungen noch verboten, was aber genau eine Großveranstaltung definiert, ist noch nicht offiziell geregelt. Aber einen Abiball, wie man ihn kennt, wird es nicht geben. Eine Überlegung gehe auch in die Richtung, die Abifeier Anfang des kommenden Jahres nachzuholen. Das sei zwar schön, aber bei weitem nicht das Gleiche. „Ich bekomme es ja gerade hautnah mit. Ich habe selbst einen Leistungskurs im Abschlussjahrgang“, erzählt Norbert Hohmann. Die Schüler werden sich definitiv an ihre Abschlusszeit zurückerinnern, doch in keinem Fall sind diese Erinnerungen vergleichbar mit denen ihrer Vorgänger. „Mir tut das Ganze wahnsinnig leid und ich nehme die Sorgen, die die Schüler momentan haben, sehr ernst“, betont Norbert Hohmann.

Leistungsunwille – Fehlanzeige

Zu Beginn des bundesweiten Abiturdramas wurden Stimmen laut, die behaupteten, die Schüler wollen den Leistungen und Prüfungen aus dem Weg gehen. Das Durchschnittsabitur sei ein bequemer Ausweg. Von Faulheit und Leistungsunwille war die Rede. „Das kann ich von meinen Schülerinnen und Schülern nicht estätigen“, stellt der Lehrer klar. In der Woche nach den Osterferien war es den Abschlussjahrgängen freigestellt, den Unterricht wieder zu besuchen und die Schüler des Abschlussjahrgangs der Gesamtschule waren zu 95 Prozent – trotz der Bedenken – wieder anwesend. „Ich denke, das sagt alles. Von Leistungsunwille kann hier nicht die Rede sein“, sagt Norbert Hohmann. Außerdem habe er einige Schüler in seinem Büro gehabt, die weinend dort saßen und sich um ihren Abschluss sorgten. Dennoch fordern die Schüler der Gesamtschule das Durchschnittsabi, denn viele aus dem Abschlussjahrgang sind sich einig: „Wir wollen uns keiner Gefährdung aussetzen.“ Bei einigen der Schüler spielen Vorerkrankungen bei Familienmitgliedern eine wichtige Rolle, die sie schützen wollen, andere wiederum möchten endlich von der Bundesregierung gehört werden. Deswegen haben sie in ihren Autos mit ausreichend Abstand gesessen und lautstark hupend auf sich aufmerksam gemacht. „Abitur unter solchen Bedingungen ist unverantwortlich“, heißt es. Die Abiturienten fordern eine faire Behandlung und sichere Prüfungsbedingungen. „Ich finde es wichtig, die aktuelle Situation und die Lage der Schüler ernstzunehmen“, sagt der Schulleiter. Das Durchschnittsabi daher als eine bequeme Lösung ohne Lernaufwand anzusehen findet er nicht richtig.

Applaus von der Polizei

Mitte April haben die Abiturienten vor der Schule demonstriert. Sie vertraten in ihren Autos sitzend und hupend lautstark die Meinung, dass auch sie ein Recht auf einen Abschluss unter sicheren Bedingungen haben. Und vor allem boten sie ihrer Meinung Raum, dass die aktuellen Prüfungsbedingungen, die das Land NRW veröffentlicht hatte, nicht für ausreichend Sicherheit der Schüler sorgen. Großes Lob für die Durchführung gab es hier vor allem von Seiten der Polizei und des Ordnungsamts. „Ich selbst habe die Demonstration als sehr ordentlich und reguliert empfunden. Gleiches hörte ich auch von der Polizei“, berichtet Norbert Hohmann. Im Vorfeld habe es einige Gespräche zwischen den Abiturienten und der Polizei gegeben, in denen die Bedingungen auch im Bezug auf die zu wahrende Abstandshaltung geklärt wurden. „Ein mir bekannter Polizist, der an dem Tag anwesend war, hat nur lobende Worte für den Ablauf der Demonstration gefunden. Sowohl die Abstandswahrung, als auch das gesamte Verhalten der Schüler war tadellos gewesen. Am Ende gab es sogar Applaus von der Polizei – das muss man erst einmal schaffen“, zeigt sich der Schulleiter beeindruckt und stolz. Außerdem sei es die Aufgabe einer Schule, nicht nur Wissen, sondern auch selbstständiges Denken und Handeln zu lehren. Dass die Schüler bei der Demonstration für ihre Meinung einstanden, sieht Norbert Hohmann als Beweis für eine gelungene Erziehung. // jl

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