Foto: aureus GmbH -  Julia Liekweg
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Landwirte in Kirchhellen sagen Danke

In der Corona-Krise stiegen die Umsätze im regionalen Handel – Landwirte aber fürchten weiter um Betriebe.

Kirchhellen - Die moderne Gesellschaft, die sich ausbreitende tierproduktfreie Lebens- und Ernährungseinstellung, die Corona-Pandemie und die Medien – all das sind Aspekte, die das Leben der Landwirte erschweren. In einem offenen Gespräch mit den Kirchellener Landwirten Ansgar Tubes und Philipp Maaßen haben sie uns von den Problemen und damit einhergehenden Existenzängsten um die landwirtschaftlichen Betriebe erzählt und beantwortet, wieso Corona für einen erfreulichen Umsatzaufschwung sorgte.

Seit der Corona-Krise zählen Landwirte zu den systemrelevanten Berufen. Das erzählt Ansgar Tubes von der Vereinigung Land schafft Verbindung im Gespräch mit unserer Redaktion. Eine erfreuliche Nachricht: „Während der Corona-Krise sind die Umsätze der regionalen Betriebe um etwa 20 bis 30 Prozent gestiegen. Die Menschen haben in diesen Zeiten wieder viel regional gekauft“, berichtet der Kirchellener. Aus diesem Grund haben sich die Landwirte bundesweit überlegt, einen Dank zurück an die Verbraucher zu geben. Um diesen Dank gut sichtbar für jeden zu machen, steht der Danke-Anhänger auf wechselnden Feldern in Deutschland. Gut zwei Tage stand der Anhänger auf dem Erdbeerfeld von Jörg Umberg, zwischen dem Hof Umberg und dem Schmücker Hof. „Den Anfang haben wir mit dem Anhänger hier in Nordrhein-Westfalen gemacht, danach ging es für unseren Danke-Wagen nach Niedersachen“, erzählt Ansgar Tubes. Bis Weihnachten soll der Anhänger einmal durch komplett Deutschland gezogen sein. „Das braucht natürlich seine Zeit und jede einzelne Stadt hat den Anhänger dementsprechend kurz. Deswegen stand er auch nur gute zwei Tage in Kirchhellen“, weiß auch Landwirt Philipp Maaßen. Den Anstieg der regionalen Einkäufe hat Phlipp Maaßen ebenfalls bemerkt. „Gerade was Obst und Gemüse angeht, haben die Verbraucher zur Corona-Krise wieder viel mehr zu den heimischen Produkten gegriffen. Bei Äpfeln haben wir das stark bemerkt, vor allem aber bei den Selbstpflückern auf den Erdbeerfeldern“, berichtet er. Mit dem Anhänger möchten die Landwirte ein großes Danke für die Unterstützung aussprechen, aber auch daran erinnern, dass die regionalen Käufe auch nach der Krise weiter wichtig sind.

Systemrelevant, aber existenzbedroht?

Foto: aureus GmbH - Julia Liekweg
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Natürlich seien die steigenden Umsätze eine schöne Rückmeldung gewesen, berichtet Ansgar Tubes. Dennoch vermutet er: „Das wird nicht so bleiben. Auch in der Vergangenheit gab es schon oft Lebensmittelskandale, bei denen die Umsätze der regionalen Lebensmittel wieder in die Höhe gegangen sind. Aber immer wieder stellt man fest, dass die Verbraucher nach einiger Zeit zurück zu alten Gewohnheiten kehren. Als ob der Lebensmittelskandal dann komplett vergessen wäre.“ Der Kirchhellener Landwirt weiß aber nur zu gut: Kunden zu gewinnen, ist in der Regel nicht sehr schwierig. Sie allerdings auf Dauer zu halten, sei eine „Mammutaufgabe“, wie Ansgar Tubes erklärt.

Wie es nach der Corona-Zeit aussieht, könne er natürlich nicht sagen, „aber wenn ich einen Blick in die Glaskugel werfen müsste, würde ich sagen, dass es dieses Mal genau so ist wie vorher auch. Daher denke ich, dass die Umsätze auf kurz oder lang wieder einbrechen werden. Darüber hinaus ist zu befürchten, dass in den kommenden Jahren noch mehr landwirtschaftliche Betriebe schließen werden.“ Das sei nicht allein aufgrund der Corona-Pandemie so, sondern vor allem auch durch den Druck auf die Betriebe, den politische Maßnahmen und die Medien verursachen. „Die Landwirtschaft wird in den Medien einfach völlig falsch dargestellt. Die modernen landwirtschaftlichen Betriebe arbeiten bei Weitem nicht mehr wie in den 1950er Jahren und die, wie ich sagen muss, angeblichen Tierschutzmaßnahmen führen bei vielen Betrieben zur Schließung“, erklärt Ansgar Tubes. Dass Tierschutz wichtig sei, will der Kirchhellener überhaupt nicht abstreiten. „Aber einige Maßnahmen, die zum angeblichen Wohl der Tiere getroffen werden, fußen auf falschen Bildern von unserer Tierhaltung.“ Als Beispiel führt er ferkelerzeugende Betriebe an, die unter anderem wegen der Kastenstandhaltung kritisiert werden. „Die Bilder, die die Verbraucher zu sehen bekommen, suggerieren, dass die Säue ihr ganzes Leben in den Kastenständen fristen.

Foto: aureus GmbH - Julia Liekweg
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Dem ist aber nicht so. Höchstens zum Abferkeln sind sie in diesen Kästen, damit sie für diese kurze Zeit ihre Ruhe haben“, erklärt er unserer Redaktion. „Irreführung durch die Medien“, nennt er es. Ansgar Tubes prognostiziert ein Wegbrechen von gut der Hälfte aller ferkelerzeugender Betriebe in den kommenden fünf bis sieben Jahren. „Und das ist eine ganze Menge.“ In der Vergangenheit hatten landwirtschaftliche Betriebe immer wieder mal mit harschen Kritiken und Problemen zu kämpfen. „Wir wurden kritisiert wegen der Nitratbelastung durch unsere Düngemittel, dann, dass wir nicht gut für die Insektenbevölkerung in der Region wären und die Vorwürfe der Tierquälerei sind allgegenwärtig. Das bricht einigen Betrieben den Nacken“, unterstreicht er deutlich. Doch es werde immer mehr Druck ausgeübt, es gebe immer mehr Gesetze, Maßnahmen und Regelungen, die für einige Betriebe irgendwann zu viel werden. „Die Vorgaben zur Tierhaltung, die von der Politik entschieden werden und kostenintensive Umbaumaßnahmen beinhalten, können die Betriebe einfach nicht stemmen. Viele müssen sich dann dazu entscheiden, den Betrieb zu schließen, weil sie nicht allen Vorgaben entsprechen können“, sagt der Landwirt. Ansgar Tubes zeigt sich aber offen: „Wir laden Medienvertreter, Poliker und Verbraucher auch immer gerne auf die Höfe ein. Wir haben das in den vergangenen Jahren ein wenig versäumt, da ist jede Kritik an uns berechtigt.“ Dennoch seien die Landwirte aus der Region stets aufgeschlossen, sich mit Interessierten zu Gesprächen und Führungen zu treffen. Verbraucher und Politiker können und dürfen sich gerne selbst einen Eindruck von der landwirtschaftlichen Arbeit und den Umständen, unter denen die Tiere tatsächlich gehalten werden, machen.

„Natürlich darf man bei dem Ganzen auch nicht vergessen, dass landwirtschaftliche Betriebe ökonomisch arbeiten müssen. Es ist ein Beruf und vom Beruf muss man leben können. Da dies aber durch viele verschiedene Umstände, unter anderem eben die Politik, so erschwert wird, entscheiden sich viele junge Menschen dagegen. Selbst, wenn die Eltern über viele Jahre und Jahrzehnte Landwirte waren, gibt es genügend Kinder, die den Betrieb nicht fortführen möchten.“ So bedauerlich das auch sei, so viel Verständnis zeigt Ansgar Tubes dafür.

Auch wenn er seine Prognosen auf eine Rückkehr zum starken regionalen Handel nicht sehr positiv sieht, bleibt immer die Hoffnung, dass die Menschen wieder Freude an den heimischen Lebensmitteln finden. Ob das so passiert, bleibt abzuwarten. // jl

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